Abgehorcht (9): Die Kunst des Wartens

Spätzünder, Umdreher, Platzlasser: Wer sich weniger aufregen möchte, kann das in den Autoschlangen vor roten Ampeln wunderbar trainieren. Der 9. Teil unserer Kolumne “Abgehorcht”.

VON TIMO SCZUPLINSKI

Ich habe mir vorgenommen, gelassener zu werden. Wo man kann, sollte man ja Stress vermeiden. Nicht dass Sie jetzt denken, ich würde bei jedem kleinen Bisschen an die Decke gehen. Niemals. Jedenfalls habe ich bisher noch keine entsprechenden Rückmeldungen aus dem Kollegenkreis bekommen. Aber vielleicht trauen sie sich auch einfach nicht.

Es gibt allerdings diese kleinen Situationen, in denen es auch mir schwerfällt, die Ruhe zu bewahren. Wenn Sie wie ich jeden Tag mit dem Auto vor roten Ampeln stehen, wissen Sie vielleicht, was ich meine. Die Ampeln an sich sind da weniger das Problem. Die können ja letztlich nichts dafür, dass sie immer dann, wenn man beschleunigt, von Grün auf Gelb und dann auf Rot springen. Das ist halt ihr Job. Die viel größere Provokation sind die Autofahrer vor den Ampeln. Man kann sie wunderbar in drei Kategorien einteilen: Da wären die Spätzünder, die Umdreher und die Platzlasser.

Bei den Spätzündern ist es so, dass sie bei Grün erst dann losfahren, wenn sie sich auch ganz sicher sind, dass das da oben auch Grün ist. Das kann manchmal ein paar Sekunden dauern, manchmal auch so lange, dass nur dieses eine Auto die Grünphase schafft und alle dahinter noch eine Extra-Runde Rotlicht abbekommen. Wenn man Pech hat und gleich mehrere Spätzünder vor einem nicht in die Gänge kommen, man dabei aber trotzdem nicht ausfallend wird, darf man das für sich schon als großen Anti-Aggressions-Erfolg werten.

Das nächste Level sind dann die Umdreher. Bei Grün fährt diese Spezies zwar relativ schnell los, dafür aber nicht sehr weit. Während andere auf einer Linksabbiegespur einfach links abbiegen, probieren Umdreher an selber Stelle gleich einen U-Turn – also einen Fahrbahnwechsel in die andere Richtung. Blöderweise machen Umdreher das vornehmlich an den Stellen, an denen gleichzeitig auch die Straßenbahn durchwill und so dann kein Durchkommen mehr für die Umdreher ist – und für alle anderen normalen Linksabbieger auch nicht.

In unserer Kolumne „Abgehorcht“ berichten unsere Autoren über die alltäglichen Versuche gesünder zu leben. Und darüber, warum das am Ende oft doch nicht klappt.

Nun mag man für Spätzünder noch ein gutes Wort einlegen, weil ein verträumter Blick aus dem Seitenfenster manchmal bestimmt interessanter ist als der Blick auf die Ampel. Und was soll auch der Umdreher anderes machen, wenn er partout in die andere Richtung fahren muss? Auch da sollte man als umsichtiger Autofahrer das nötige Verständnis aufbringen.

Ein ungelöstes Rätsel bleiben für mich aber die Platzlasser. Sie bleiben oft abrupt gut und gerne zehn Meter vor einer roten Ampel stehen. Wenn sie nicht ganz vorne in der Warteschlange sind, lassen sie diese zehn Meter einfach zum Vordermann Platz. Warum nur? Vielleicht ist es Ausdruck großer Berührungsängste, vielleicht handelt es sich hier auch um sehr skeptische Leute, die selbst dem Vordermann nicht trauen und es für möglich halten, dass dieser plötzlich den Rückwärtsgang einlegt. Was es auch ist: Passt man nicht selbst höllisch auf, fährt man so einem unerwartet früh bremsenden Platzlasser ruckzuck hinten drauf. Hat man solch einen Unfall verhindert, bringt einen das auch nicht viel weiter, wenn das Platzlassen des Platzlassers dazu führt, dass man selbst nicht an ihm vorbeikommt, um etwa auf eine andere Spur zu wechseln – und das immer in dem Wissen, dass theoretisch ja genügend Platz da wäre.

Aber auch hier werde ich nicht mehr mit beleidigenden Brummeleien und wütenden Worten antworten. Für den nächsten Platzlasser habe ich mir schon einen Plan zurechtgelegt, der gänzlich ohne Aggressionen auskommt. Ich fahre – so es denn geht – einfach langsam an ihm vorbei, parke vor ihm rückwärts in die großzügige Lücke ein, die er frei gelassen hat. Sobald die Ampel auf Grün springt, mutiere ich dann selbst zu einem Spätzünder und gleich danach zu einem Umdreher – aber nur, wenn gerade eine Straßenbahn den U-Turn blockiert.

Abgehorcht (9): Die Kunst des Wartens

Spätzünder, Umdreher, Platzlasser: Wer sich weniger aufregen möchte, kann das in den Autoschlangen vor roten Ampeln wunderbar trainieren. Der 9. Teil unserer Kolumne "Abgehorcht".
Lesen Sie mehr

Abgehorcht (8): Im Schwitzkasten

Regelmäßige Saunagänge sollen das Immunsystem stärken. Da muss man es nur noch irgendwie schaffen, ein Aufguss-Ritual zu ertragen. Wenn das so einfach wäre. Mehr über die Tücken des Schwitzkastens im achten Teil unserer Kolumne "Abgehorcht"
Lesen Sie mehr

Abgehorcht (7): Spülmaschinen-Aerobic

Sportverein zu. Wetter schlecht. Wie soll man sich da bitte fithalten? Gut, dass es eine besondere Fitnessmaschine in den eigenen vier Wänden gibt! Wie sie funktioniert, lesen Sie im 7. Teil unserer Kolumne "Abgehorcht".
Lesen Sie mehr

Abgehorcht (6): Vom Erdboden verschluckt

Wo ist eigentlich Ihr Schlüssel? Und die Geldbörse? Na, noch da? Manchmal verschwinden Dinge einfach, vielleicht kennen Sie das ja auch? Oder um im Thema zu bleiben: Vielleicht finden Sie sich da ja wieder! Dann könnte auch diese Kolumne zu Ihnen passen.
Lesen Sie mehr

Abgehorcht (5): Ein Dankeschön an den Bremer Sommer

Wer meckert bitteschön noch über den ständigen Regen? Man muss ihn auch mal loben. Er bringt doch lauter gute Dinge mit sich. Sogar beim Umsetzen guter Vorsätze ist er behilflich, wie unsere Kolumnistin Stefanie Beckröge festgestellt hat.
Lesen Sie mehr

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Informationen zum Datenschutz finden Sie unter: http://gesundmalvier.de/impressum/

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen