Defekt in der Schaltzentrale

Nach einem Schlaganfall muss das Gehirn umprogrammiert werden. Aber wie funktioniert das eigentlich?

VON TIMO SCZUPLINSKI (TEXT) UND KERSTIN HASE (FOTO)

Das Gehirn im Fokus: Diese Aufnahme haben wir mit freundlicher Unterstützung des Universums Bremen machen können. Weitere Bilder aus dem dortigen Themenbereich Mensch finden Sie in unserer aktuellen Printausgabe von gesund mal vier

Der Homunkulus hat riesige Hände. Und auch sein Kopf ist im Vergleich zum Rest des Körpers überdimensional groß. Eigentlich gibt es dieses Wesen gar nicht. Auf den ersten Blick würde man ihm vielleicht auch weniger gern auf der Straße begegnen. Und doch lebt der Homunkulus in jedem von uns. Denn dieses unförmige Fabelwesen ist vor allem ein sehr plastisches Abbild davon, wie groß der jeweilige Bereich im Hirn ist, von dem aus die verschiedenen Fähigkeiten eines Menschen gesteuert werden.

„Die feinmotorischen Bewegungen unserer Hände und alles, was sich im Gesicht abspielt, das Riechen, Schmecken, Sprechen, Hören und Sehen, nehmen dort den größten Raum ein“, sagt Prof. Dr. Andreas Kastrup, Chefarzt der Neurologie an den Klinika Bremen-Mitte und -Ost. Doch was passiert, wenn jemand einen Schlaganfall erlitten hat – es also einen Defekt in dieser Schaltzentrale gegeben hat?

Unter einem Schlaganfall versteht man einen unvermittelten, also schlagartigen Ausfall bestimmter Funktionen im Gehirn. Er entsteht meist durch eine Einengung der Halsschlagader. „Die Durchblutung ist gestört, und diese Unterversorgung kann immense Folgen für Hirnregionen haben“, sagt Kastrup.
Die Feinmotorik und das Sprachzentrum können besonders häufig betroffen sein, weil diese großen Bereiche im Gehirn auch die größte Angriffsfläche bieten.

„Um den Ausfall des Bereichs in der betroffenen Gehirnhälfte zu kompensieren, versucht dann erst einmal die gesunde Gehirnhälfte, diese Aufgaben mit zu übernehmen“, erklärt Kastrup. Dafür müsse diese ihre Leistung über das Normalmaß hinaus hochfahren, ist sozusagen immer auf Vollbetrieb getrimmt. Deshalb sei es auf Dauer wichtig, wieder für Entlastung zu sorgen. „Das funktioniert über eine Art Umprogrammierung im Gehirn“, sagt Kastrup. Gesunde Bereiche in der vom Schlaganfall betroffenen Hirnhälfte können nämlich nach und nach lernen, Aufgaben des defekten Bereichs mit zu erledigen. So übernehmen zum Beispiel Bereiche, die für die Armbewegungen reserviert sind, nach Möglichkeit auch die feinmotorischen Fingerbewegungen mit.

Praktisch funktioniert das aber erst über viele Trainingseinheiten, die Patienten etwa in der Frührehabilitation und der Anschlussreha absolvieren. Wenn ein Patient zum Beispiel seine linke Hand nicht uneingeschränkt bewegen kann, könnte man zum Beispiel die rechte, gesunde Hand fixieren – sozusagen aus dem Spiel nehmen. „So wird der Anreiz, sich mit der linken Hand zu bewegen, automatisch größer“, sagt Kastrup.

Geduld ist gefragt

„Wie schnell die Umprogrammierung gelingen kann, kommt sehr auf den beschädigten Bereich an und darauf, wie schwer die ursprüngliche

Der Homunkulus

Alles, was der Mensch kann, wird über das Gehirn gesteuert. Jede Fähigkeit nimmt dabei einen mehr oder weniger großen Raum auf der Hirnrinde ein. Für feinmotorische Bewegungen der Hände braucht man dort zum Beispiel deutlich mehr Platz als für das bloße Schulterzucken. Erschüfe man aus diesem Größenverhältnis einen künstlichen Menschen – den sogenannten Homunkulus – entstünde dabei dieses Wesen. Ein Wesen mit überproportional großen Händen, Lippen, Ohren und einer riesigen Zunge.

Schlaganfälle

In Deutschland erleiden laut der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe jährlich 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Jeder Fünfte stirbt unmittelbar an den Folgen. Viele Betroffene bleiben schwerbehindert und arbeitsunfähig.

Schädigung war“, sagt Dr. Matthias von Mering, Chefarzt der Stroke Unit am Klinikum Bremen-Nord. Die meisten Patienten müssten eine Menge Geduld und Ausdauer aufbringen.

Umso schneller hingegen müsse die Hilfe direkt nach dem Schlaganfall einsetzen. „Da zählt jede Minute“, sagt von Mering. Denn Nervenzellen im Gehirn reagierten besonders empfindlich auf einen Sauerstoffmangel, der durch die schlechte Durchblutung ausgelöst werde. Eine Behandlung müsse so schnell wie möglich erfolgen.

Im Klinikverbund Gesundheit Nord gibt es zwei Schlaganfalleinheiten – sogenannte Stroke Units. Am Klinikum Bremen-Mitte wird sie von Chefarzt Prof. Dr. Andreas Kastrup geleitet, in Bremen-Nord ist Dr. Matthias von Mering der Chefarzt in diesem Bereich. Die Stroke Units sind im Kern für die Erstbehandlung da, in der Folge gibt es in der Gesundheit Nord ein engmaschiges Frührehaprogramm am Klinikum Bremen-Ost.

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