Bulimie – die heimliche Krankheit

Betroffene machen fast alles, um nach außen möglichst normal zu wirken. Niemand soll von ihrer Bulimie-Erkrankung erfahren. “Oft weiß nicht mal der Partner davon”, sagt Chefarzt Peter Bagus. Wir haben eine Patientin begleitet.

VON KAREN MATISZICK

Fünf Donuts mit Schokoglasur, zwei Portionen Vanillepudding mit Sahne, ein Schokoriegel, eine Packung Minisalami, den Rest der Pizza von gestern, eine halbe Packung Prinzenrolle und eine Tüte Gummibärchen. Mit Heißhunger und in aller Eile hinuntergeschlungen. Immer wieder kennt Vera Becker beim Essen keine Grenzen. Dann stopft die 35-Jährige wahllos, hastig und unkontrolliert Nahrung in sich hinein, die sie wenig später voller Ekel erbricht. Absichtlich. Und heimlich. Vera Becker leidet an Bulimie – bereits seit ihrer Schulzeit und ohne, dass ihre Eltern, Freunde oder ihr Lebensgefährte die Krankheit bemerkt haben.

Vera Becker, die in Wirklichkeit anders heißt, ist schlank, aber nicht dünn. Beruflich erfolgreich, sehr diszipliniert. Sportlich. Sie gönnt sich selten etwas – schon gar keine Schwäche. Ihre Geschichte ist die typische Geschichte einer Patientin mit Bulimie. „Oft ist die Krankheit mit einem großen Schamgefühl verbunden“, sagt Dr. Dr. Peter Bagus, der als Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie viele Frauen mit Bulimie behandelt. Während Magersucht oft sehr junge Frauen und Mädchen betrifft, sind Bulimie-Patientinnen im Durchschnitt älter. Bei manchen ist die Erkrankung chronisch und dauert seit Jahrzehnten an. „Diese Patientinnen leiden sehr“, weiß Bagus. „Im Alltag fallen sie kaum auf, oft weiß nicht einmal der eigene Partner von der Brechsucht.“Dass Patientinnen jenseits der 30 sich wegen ihrer Bulimie bei ihm in Behandlung begeben, kommt selten vor. „Oft kommen sie wegen anderer Beschwerden, sind ausgebrannt oder leiden an Depressionen.“ Erst in den Gesprächen berichten die Frauen, dass sie seit Jahren auch an einer Essstörung leiden – und meistens auch nur dann, wenn Bagus sie direkt darauf anspricht.

Untersuchungen zufolge sind etwa 0,9 bis 1,5 Prozent aller Frauen von Bulimie betroffen. Nicht selten geht der Bulimie eine Anorexia nervosa, also eine Magersucht voraus, bei der die Betroffenen extrem hungern. Patientinnen mit Bulimie dagegen halten oft ein Normalgewicht.

Essstörungen, Bulimie, Magersucht

 
Essstörungen können in unterschiedlicher Form auftreten. Die häufigsten Störungen sind Magersucht (Anorexia nervosa) und Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa). Magersucht tritt häufig schon bei Jugendlichen, meist sehr jungen Mädchen, auf. Sie hungern und magern ab, oft bis zu einem lebensbedrohlichen Untergewicht. Bulimie ist die weit häufigere und auch die im Erwachsenenalter stärker vertretene Krankheit. Sie ist psychotherapeutisch gut zu behandeln. Komplikationen entstehen durch Begleiterkrankungen wie Depressionen und Persönlichkeitsstörungen. Bulimieerkrankte sind sie oft normalgewichtig, ihre Krankheit fällt häufig lange Zeit nicht auf.
Das Klinikum Bremen-Ost ist auf Patientinnen mit Essstörungen spezialisiert. Betroffene unter 18 Jahren werden in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychia- trie behandelt, Erwachsene in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist unter Telefon 0421 408-2320 erreichbar, die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie unter 0421 408-2102.

Die Ursachen können vielfältig sein: Veranlagung, familiäre Probleme, Leistungsdruck, geringes Selbstwertgefühl und überhöhte Anforderungen an sich selbst – oder die Mischung aus allem. Bagus ist überzeugt, dass auch gesellschaftliche Schönheitsideale ihren Anteil an der Erkrankung haben. Kein Wunder: Wenn Zeitungen in aller Welt ernsthaft darüber berichten, dass die englische Herzogin Kate nur drei Wochen nach der Geburt wieder superschlank ist, denken selbst gesunde Frauen unweigerlich über eine Diät nach. „Models und Schönheitsköniginnen sind nachweislich in den vergangenen Jahrzehnten immer schlanker geworden.“ Auch andere gesellschaftliche Entwicklungen begünstigen die Entstehung von Bulimie: das Überangebot an Nahrung, die Möglichkeit, jederzeit alles kaufen zu können, fehlende gemeinsame Mahlzeiten in der Familie.

Auf längere Sicht kann Bulimie ernste körperliche Schäden verursachen. Durch die oft unausgewogene Ernährung treten Mangelerscheinungen auf. Haarausfall, Konzentrationsstörungen und Anfälligkeit für Infekte sind mögliche Folgen. Viele Bulimiekranke leiden an labiler Stimmung und depressiven Phasen. Gesundheitsschäden entstehen aber vor allem durch das häufige Erbrechen: Weil dabei ständig Magensaft verloren geht, gerät der Salz- und Mineralienhaushalt des Körpers durcheinander.

In schweren Fällen drohen dadurch Nierenschäden oder Herzrhythmusstörungen. Durch die erbrochene Magensäure wird die Speiseröhre angegriffen, Schäden am Zahnschmelz und Karies entstehen. Inwieweit Bulimie lebensbedrohliche Folgen hat oder sogar zum Tod führt, ist schwer zu sagen. Während Fachleute davon ausgehen, dass fünf bis 15 Prozent der Patientinnen mit Magersucht durch ihre Erkrankung sterben, gibt es bei Bulimie-Patientinnen keine zuverlässigen Zahlen. Vermutlich ist die Dunkelziffer hoch – denn nicht selten ist Bulimie mit selbst verletzendem Verhalten und Suizidgedanken verbunden.

Bulimie-Erkrankte wissen in der Regel genau, dass sie an einer schweren Essstörung leiden. Trotzdem schaffen sie es nicht, dem Kreislauf aus Hungern, Essattacken und Erbrechen zu entkommen. Wer sich seinem Arzt oder seiner Ärztin anvertraut, hat den ersten großen Schritt getan. Im Klinikum Bremen-Ost finden Betroffene professionelle Hilfe: Mediziner, Therapeuten und Ernährungsberater stellen einen individuellen Behandlungsplan für jede Patientin auf. In der Körpertherapie lernen die Betroffenen, über Ängste zu sprechen, Empfindungen wahrzunehmen und sich selbst wieder in einem anderen Licht zu sehen. Gemeinsam wird gekocht und gegessen. Bewegung und Sport spielen heute in der Therapie eine große Rolle. „Gemeinsam versuchen wir, die alten Muster aufzubrechen und neue Wege für die Bewältigung von Stress und Konflikten zu finden“, sagt Bagus. Das ist ein weiter Weg. Vera Becker steht noch ganz am Anfang. Ob sie es künftig ohne unkontrollierte Essanfälle schaffen wird, weiß sie nicht. Aber sie muss ihre Krankheit nicht mehr verheimlichen. In der Klinik nicht und auch nicht zu Hause.

Chefarzt Dr. Dr. Bagus und die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie finden Sie hier

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