Die Last der Lunge

Feinstaub durch Autos und Kaminöfen. Dicke Luft in den eigenen vier Wänden. Raketentreibstoff im Tabakrauch. Prof. Dr. Dieter Ukena spricht über die oft unsichtbaren Gesundheitsrisiken, die uns jeden Tag um die Nase wehen.

Herr Prof. Dr. Ukena, vermutlich kennen wir die Risiken für Lungenerkrankungen heute besser denn je. Aber atmen wir auch gesünder?
Prof. Dr. Dieter Ukena: Wie gesund die Luft ist, die wir atmen, hängt ja zu einem Großteil immer von unserer Umwelt ab. Da sind natürlich die Stickoxide aktuell ein großes Thema. Abgase von Autos spielen in diesem Zusammenhang eine sicherlich wichtige Rolle. Doch weltweit nutzen zum Beispiel auch 50 Prozent der Haushalte noch Biomasse wie Holz, Holzkohle, Dung und Kohle als Energiequelle. Dadurch sind weltweit drei Milliarden Menschen regelmäßig dem entsprechenden, schädlichen Rauch, der aus Biomasse entsteht, ausgesetzt.

Wie sieht es hier in Deutschland aus, wo gesunde Energiequellen wie Wind und Sonne eigentlich stärker in den Fokus rücken?
Das mit den gesunden Energiequellen ist auch nur ein Teil der Wahrheit. Schauen Sie sich die vielen privaten Kaminöfen an, die sich die Menschen in ihre Wohnzimmer stellen. Davon gibt es bundesweit mittlerweile mehr als zehn Millionen Stück, und die pusten laut Umweltbundesamt sogar mehr Feinstaub in die Atmosphäre als alle Autos, Motorräder und Lastwagen zusammen. Stellen Sie sich das mal vor!

Unterschätzen wir die Belastung, der wir unsere Lunge täglich aussetzen?
Klar, durch das ausgestoßene Kohlenmonoxid und Stickoxid können Entzündungen der Atemwege entstehen. In der Folge steigt das Risiko auch für Herzinfarkte. Aber das Gemeine ist ja: Man kann die Belastung zwar messen, aber wenn man nicht in Smog-Metropolen wie Peking lebt, nicht unbedingt sehen. Dann ist die verschmutzte Luft meist unsichtbar. Doch welcher Aspekt mir bei der aktuellen Diskussion viel zu sehr fehlt: Die Feinstaubbelastung in den Räumen ist oftmals weitaus höher als die auf der Straße.

Das müssen Sie erklären!
In Innenräumen entsteht fast zwangsläufig eine viel höhere Konzentration des Feinstaubs. Besonders die ultrafeinen Partikel können hier zum Gesundheitsproblem werden, denn sie dringen bis in die Lungenbläschen vor, wo sie umso größeren Schaden anrichten können. Da spielen viele Alltagsgegenstände eine Rolle, die wir so gar nicht auf der Rechnung haben.

Prof. Dr. Dieter Ukena

 

Welche?
Drucker und Laptops können ebenso zur Feinstaubbelastung beitragen wie zum Beispiel Staubsauer ohne Feinfilter, offene Kamine oder Backöfen. Zudem tragen wir den Feinstaub über unsere Kleidung und unseren Körper in die Räume. Die Luft verdünnt diese Konzentration im Innenbereich viel schlechter als draußen.

Wie kann man dem begegnen?
In den eigenen vier Wänden sollte man die Quellen beseitigen, oder wenn möglich, seltener nutzen. Regelmäßiges Durchlüften ist enorm wichtig. Auch, um etwa die Umgebung für Schimmelsporen unattraktiver zu machen. Damit sich auch die allgemeine Luftqualität draußen nachhaltig verbessert, kann der Einzelne dagegen relativ wenig bewirken. Das klappt nur gemeinsam. Ganz im Gegensatz übrigens zum Thema Rauchen. Das Erkrankungsrisiko, das mit dem Tabakrauch einhergeht und im Vergleich zum Feinstaub noch einmal eine ganz andere Qualität besitzt, kann jeder für sich minimieren, indem er schlicht mit dem Rauchen aufhört.

Was macht das Rauchen so gefährlich?
Vor allem im Tabakrauch befindet sich eine Vielzahl von Schadstoffen. Zum Beispiel Hydrazin, das ist eigentlich ein Raketentreibstoff. Blei, das sonst für Batterien verwendet wird. Arsen, das auch Bestandteil von Pestiziden ist. Oder Phenol, das für die Herstellung von Klebstoffen verwendet wird. Es gibt eine unglaublich große Zahl von krebserzeugenden Substanzen im Tabakrauch. Ich könnte Ihnen noch eine ganze Reihe weiterer gruseliger Beispiele nennen, die giftig und krebserregend sind.

Wie halte ich meine Lunge fit?

Man kann mehr machen als Nichtraucher zu sein, um die Lunge zu stärken. Unsere Lunge, mit ihren zwei Lungenflügeln, tausenden Verzweigungen, Bronchien und Bläschen will trainiert werden. Klar, dass regelmäßige Bewegung dafür nötig ist. Joggen oder Radfahren kann dabei genauso sinnvoll sein wie das Spielen eines Blasinstruments. Auch beim Luftballonaufpusten oder Singen braucht es tiefe Atemzüge, die die gesamte Lunge beanspruchen. Ratsam ist auch heißes Duschen oder regelmäßige Saunagänge. Das hat eine inhalative Wirkung und befeuchtet die Lunge.

Mehr zum Thema Luft und Lunge lesen Sie in unsere aktuellen Ausgabe von gesund mal 4. Das Heft können Sie sich hier als pdf-Datei herunterladen

Zeigen die Schockbilder auf Zigarettenpackungen ihre Wirkung?
Es gibt weltweit immer noch eine Milliarde Raucher. Die Zahl der klassischen Zigarettenraucher geht immerhin in den westlichen Ländern seit einigen Jahren zurück. Ob das nun an den Schockbildern liegt, sei mal dahin gestellt. Die gesundheitlichen Schäden, welche infolge des Rauchens auftreten – und eben nicht nur bezüglich der Lunge, sondern unter anderem auch Herz, Gefäße, Haut und Hirn – sind den Menschen sicherlich bestens bekannt. Insofern kennt jeder aktive Raucher das Risiko, welches er eingeht.

Aber?
Problematisch im Sinne einer Verharmlosung sind die Schäden durch das Passivrauchen. Also das unfreiwillige Einatmen von Tabakrauch. Wussten Sie etwa, dass ein Raucher noch 90 Sekunden nach dem letzten Zigarettenzug Rauchpartikel ausatmet? Hinzu kommen die Schäden, die rauchende Eltern ihren Kindern zufügen können. Das geht vom Risiko einer Frühgeburt über Asthmaerkrankungen bis hin zum plötzlichen Kindstod.

Wie sieht es bei der Zahl der Krankheitsfälle aus, die durch das Rauchen entstehen?
Durch das Rauchen bedingte Lungenerkrankungen – insbesondere Lungenkrebs und chronische Bronchitis (COPD) – nehmen weiterhin den Hauptanteil an Erkrankungen bei uns am Lungenzentrum Bremen ein. Beide Krankheiten nehmen auch in der Häufigkeit des Auftretens zu. Beispielweise werden pro Jahr circa 500 Patienten mit neu diagnostiziertem Lungenkrebs im Lungenkrebszentrum Bremen-Ost behandelt. Ich kann also nur jedem Raten: Gehen Sie vor allem dem Tabakrauch aus dem Weg!

Die Fragen stellten Timo Sczuplinski und Stefanie Beckröge

Prof. Dr. Dieter Ukena ist Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Beatmungsmedizin am Klinikum Bremen-Ost und leitet am gleichen Standort das Lungenzentrum Bremen. Das Lungenzentrum im Klinikum Bremen-Ost wurde als eines der ersten Zentren in Deutschland als Lungenkrebszentrum zertifiziert.
Die enge Zusammenarbeit von Thoraxchirurgen, Pneumologen, Strahlentherapeuten, Radiologen, Nuklearmedizinern und Pathologen und Psychologen ermöglicht schnelle Diagnosen, kurze Entscheidungswege und eine individuell optimierte, ganzheitliche Therapie.

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