Ungesunde Ernährung? “Die Menge macht das Gift”

Wie wirkt sich eine gesunde Ernährung auf unseren Körper aus. Und was heißt es eigentlich, sich gesund zu ernähren? Im Interview gibt Ernährungsmediziner Prof. Johann Ockenga einen Einblick und warnt vor Diäten.

Herr Prof. Ockenga, welchen Stellenwert hat das Thema Ernährung in Deutschland?
Prof. Dr. Johann Ockenga: Bei vielen Menschen leider noch einen viel zu geringen. Dabei kann die Art und Weise, wie wir uns ernähren, sich in großem Maße auf unsere Gesundheit auswirken. Da schlummert ein riesiges Potenzial, das noch viel stärker von jedem Einzelnen genutzt werden sollte. Durch eine gesunde Ernährung können wir schließlich das Risiko für bestimmte Krankheiten deutlich senken.

Für welche denn?
Herz-Kreislauf-Krankheiten stehen da ganz oben. Wir können durch eine ausgewogene Ernährung etwa einem Schlaganfall vorbeugen, genauso koronaren Herzkrankheiten oder Bluthochduck. Auch das Krebsrisiko kann man mindern. Gemüse und Obst spielen da eine wichtige Rolle, genauso wie ein maßvoller Konsum von tierischem Eiweiß. Vor allem den Anteil von rotem Fleisch sollte man gering halten. Aber auch leichten Infekten kann man vorbeugen, indem man durch gesunde Ernährung sein Immunsystem stärkt.

Was verstehen Sie eigentlich genau unter einer gesunden Ernährung?
Die Ausgewogenheit muss stimmen. Das bedeutet, dass alle Nährstoffe, die mein Körper nicht selbst bilden kann, in der richtigen Menge über die Nahrung kommen sollten. Als Faustregel für eine gesunde Ernährung gilt, dass 50 Prozent Kalorien, die man zu sich nimmt, aus Kohlendhydraten, 30 Prozent aus Fetten und 20 Prozent aus Eiweißen bestehen sollte. Nehme ich von einzelnen Komponenten dauerhaft zu viel oder lasse ich was weg, ist das nicht mehr gesund. Dann bin ich fehlernährt. Die Menge macht das Gift.

Ernährungspyramide nach der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin

Wie sinnvoll sind dann aus Ihrer Sicht die vielen Diäten, bei denen es ja gerade um das Weglassen geht?
Es ist erst einmal gut, wenn sich Menschen mit ihrer Ernährungsweise auseinandersetzen. Die Frage ist dann, ob das auch in die richtige Richtung geht. Verzichte ich etwa über lange Zeit auf gewisse Komponenten wie Obst und Gemüse, können Herz-Kreislauf-Erkrankungen leichter entstehen. Fehlt mir tierisches Eiweiß, kann das auch das Krebsrisiko erhöhen. Hinter jeder Diät steckt die Gefahr einer Fehlernährung.

Wie gesund können dann Vegetarier leben?
Kein Fleisch zu essen, ist ja auch eine Diätform. Gerade das tierische Eiweiß zu ersetzen, ist da eine echte Herausforderung, kann aber etwa durch Milchprodukte gelingen. Komplizierter wird es bei Veganern. Da muss man zum Beispiel schon ganz schön viele Kichererbsen essen, um fehlende Proteine zu kompensieren. Menschen brauchen die Vielfalt. Sie sollte der Kern unserer Ernährung sein. Ansonsten stelle ich meinen Körper irgendwann vor Probleme. Mangelernährung und Adipositas können vor allem die Folge sein.

Welche Rolle kann die Ernährung darüber hinaus bei schwer erkrankten Menschen im Krankenhaus spielen?
Die Ernährungsmedizin ist ein Querschnittsfach und bietet ein großes Potenzial, besonders im onkologischen, geriatrischen, gastroenterologischen und viszeralen Bereich. Mit Ernährung können wir natürlich keinen Krebs oder Herzkrankheiten heilen. Aber wir können den Krankheitsverlauf mit einer passenden Ernährung positiv beeinflussen. Mit einer guten Eiweiß- und Kalorienzufuhr kommen Patienten besser wieder auf die Beine. Der beste Effekt wird übrigens mit zusätzlicher, angemessener Bewegung erreicht.

Wie kann die Klinik da unterstützen?
Unsere Aufgabe ist es auch, für Patienten ein geeignetes, individuelles Ernährungskonzept zu finden. Eines, das auf den jeweiligen Gesundheitszustand ausgerichtet ist. Wir verfügen da über ein ganzes Team an Ernährungsberatern und -medizinern an den einzelnen Standorten. Diese sind zudem über einen standortübergreifenden Ernährungskreis im Klinikverbund gut miteinander vernetzt. Am Klinikum Mitte haben wir zudem ein Pilotprojekt eingeführt. Ein Screening, über das Patienten zu Beginn zu ihrer Ernährung und ihrem Risiko für eine Mangelernährung befragt werden und dadurch Ist-Situation und notwendiger Interventionsbedarf von uns besser eingeschätzt werden können.

Die Fragen stellten Stefanie Beckröge und Timo Sczuplinski

Prof. Dr. Johann Ockenga ist Chefarzt der Medizinischen Klinik II am Klinikum Bremen-Mitte und Experte im Bereich Gastroenterologie, Endokrinologie und Ernährungsmedizin. Zudem ist er aktuell Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin. Zur Medizinischen Klinik II von Prof. Ockenga geht es hier

Als Faustregel gilt, dass 50 Prozent der Kalorien,
die man zu sich nimmt, aus Kohlendhydraten,
30 Prozent aus Fetten
und 20 Prozent aus Eiweißen bestehen sollte.

Prof. Johann Ockenga

Chefarzt, Medizinische Klinik II, im Klinikum Bremen-Mitte

Vor allem die mediterrane Küche gilt als besonders ausgewogen. Das heißt: Der Anteil von rotem Fleisch (Schwein, Rind, Lamm) wird gering gehalten. Stattdessen stehen fettärmeres Geflügel und an ungesättigten Fetten reicher Fisch im Fokus. Hinzu kommt ein großer Anteil an ballaststoffreichen Gemüsesorten wie Zucchini, Paprika, Tomaten und Zwiebeln. „Es sind im Grunde keine komplizierten Verhaltensweisen nötig, um sich gesund zu ernähren“, sagt Prof. Johann Ockenga.

Mahlzeiten pro Tag

Frühstück, Mittagessen, Abendbrot. Diese drei Hauptmahlzeiten stehen auch heute noch bei den meisten Deutschen im Mittelpunkt. Diesen Rhythmus sollte man sich beibehalten, findet Prof. Johann Ockenga. Laut dem Ernährungsmediziner gibt es aber auch den Trend, dass insgesamt zu viel und zu schnell gegessen wird. Das belaste den Darm. Mehr als eine Zwischenmahlzeit sei nicht nötig, wenn die Hauptmahlzeiten ausgewogen sind. Dem Körper tue es gut, auch mal mehrere Stunden nichts zu essen.

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