Wenn plötzlich alles anders ist

Lernen von Unfallopfern und Experten. Bremer Schüler erfahren beim  ersten “P.A.R.T.Y.”-Tag am Klinikum Bremen-Mitte, welche Folgen riskantes Verhalten im Straßenverkehr haben kann. Eindrück von der Aktion, die gemeinsam mit der Polizei Bremen auf die Beine gestellt wurde, gibt es hier.

VON STEFANIE BECKRÖGE

Axel Wilhelm schwingt sich aufs Fahrrad und tritt in die Pedale. Dass der Helm noch oben in der Wohnung liegt, ist eine Ausnahme. Er holt ihn nicht, rast lieber los. Als ehemaliger Radkurier hat er den Verkehr voll im Griff – meint er jedenfalls. Doch dann fährt er einen Moment zu früh über die Ampel, während eine Frau mit ihrem Auto noch bei Gelb Gas gibt. Es ist ein verheerender Unfall, der sich im August 2012 in der Bremer Vahr abspielt. Axel Wilhelm wird ins Klinikum Bremen-Mitte (KBM) gebracht. Er hat ein Schädelhirntrauma, eine Rippe bohrt sich in die Lunge, dazu trägt er einen Beckenbruch und mehrere Beinbrüche davon, außerdem innere Blutungen und Organverletzungen. Die Ärzte kämpfen um sein Leben. Wilhelm liegt im Koma. Aber er schafft es, sich ins Leben zurück zu kämpfen.

Jetzt – viereinhalb Jahre und 33 Operationen später – ist er ausnahmsweise mal nicht zur Behandlung ins Klinikum Bremen-Mitte gekommen, sondern um seine Geschichte zu erzählen. 28 Schüler des 11. Jahrgangs des Hermann-Böse-Gymnasiums hören ihm gebannt zu. Es sind die ersten Schüler des „P.A.R.T.Y-Tag“ im Klinikum Bremen-Mitte. „P.A.R.T.Y.“ –  das steht für Prävention von Alkohol- und Risiko-bedingten Traumata bei Jugendlichen (englisch „youth“).

“Ziel dieses Tages ist es, die durch Risikobereitschaft und Alkohol entstehenden schweren Autounfälle bei Jugendlichen durch umfassende Aufklärung zu verringern“, sagt Dr. Christina Roos, Oberärztin in der Unfallchirurgie am KBM und Initiatorin dieses ersten Bremer P.A.R.T.Y.-Tages, den das Klinikum Bremen-Mitte in Kooperation mit der Bremer Polizei ausrichtet. Das P.A.R.T.Y.-Programm, das bundesweit von der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie gefördert wird, zählt zu den erfolgreichsten Präventionsprogrammen für junge Fahrer. „Wir sind sehr froh, dass es diesen Tag nun auch in Bremen gibt“, sagt Markus Böhncke vom Präventionszentrum der Polizei Bremen.

An mehr als 66.000 Unfällen waren im Jahr 2015 Jugendliche zwischen 18 und 24 Jahren beteiligt. Alle acht Minuten verunglückt in Deutschland ein Jugendlicher – alle 18 Stunden kommt einer dabei ums Leben. Das sind die erschreckenden Fakten, die Markus Böhncke den Jugendlichen in seinem Vortrag präsentiert. Dazu zeigt er drastische Fotos verschiedener Unfallorte aus Bremen und schildert die Folgen der Unfälle. Böhncke ist seit 25 Jahren bei der Polizei und hat mehr als zehn Jahre Verkehrsunfälle mit Schwerverletzten und Toten aufgenommen. Jetzt arbeitet er in der Prävention, und die liegt ihm am Herzen.

„Wir wollen wachrütteln!“, sagt er. Egal ob es um illegale Autorennen, Alkohol und Drogen am Steuer oder einfach um Selbstüberschätzung, Leichtsinn oder Unachtsamkeit durch die Benutzung des Smartphones geht– ihm ist wichtig, dass die Jugendlichen sensibilisiert werden und ihr Bewusstsein für die Folgen von Risikoverhalten schärfen.

Schüler und Experten kam beim ersten P.A.R.T.Y-Tag am Klinikum Bremen-Mitte miteinander ins Gespräch. Fotos: Kerstin Hase

„Ihr müsst clevere Entscheidungen treffen“, mahnt er mehrmals an diesem Tag. Er rät, genau zu schauen, zu wem man abends nach der Disco ins Auto steigt, zu fragen, ob der Fahrer nüchtern ist und deutlich zu sagen, wenn einem der Fahrstil nicht passt. „Viele Unfälle könnten ganz einfach vermieden werden“, sagt der Polizeibeamte.

Minuten

Alle acht Minuten verunglückt in Deutschland ein Jugendlicher – alle 18 Stunden kommt dabei einer ums Leben. Insgesamt gab es im Jahr 2015 mehr als 66.000 Unfälle, an denen Jugendliche zwischen 18 und 24 Jahren beteiligt waren.

Bewusst richtet sich das P.A.R.T.Y.-Programm an Schüler, die gerade ihren Führerschein machen oder bereits begleitet fahren. Sie hören an diesem Tag aber keineswegs nur Vorträge. Sie lernen außerdem den Weg eines Schwerverletzten durch das Krankenhaus kennen – den Transport im Rettungswagen, die Erstbehandlung im Schockraum der Notaufnahme, die Intensivstation, eine Station der Unfallchirurgie und die Physiotherapie. Überall erzählen Experten von ihrem Alltag, die Schüler stellen Fragen, probieren Gehhilfen und Halskrausen.

Viele Schüler schweigen, scheinen betroffen. „Ich finde die Veranstaltung schon sehr krass“, gibt Mahir zu, ist aber gleichzeitig auch sicher, dass er diesen Tag so schnell nicht vergessen wird. „Ich glaube, dass uns das was bringt, die Bilder, die Erzählungen“, meint auch Malwin. Auch die Lehrer sind angetan von dem umfangreichen fünfstündigen Programm. „Sie werden davon Freunden und Familie erzählen und darüber nachdenken“, ist sich Katharina Nickisch sicher. In der Schule wird der  P.A.R.T.Y.-Tag in einigen Wochen gemeinsam mit Markus Böhncke noch einmal nachbesprochen. Christina Roos wird mit ihrem Team weitere P.A.R.T.Y.-Tage anbieten – um Jugendliche wachzurütteln –  und Axel Wilhelm wird gemeinsam mit zwei anderen ehemaligen Unfallpatienten dabei sein.

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