Wie ein Alkoholkranker seiner Sucht entkam

Die Vorweihnachtszeit beginnt. Wer trinkt da nicht gerne hier und da mal einen Glühwein mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt? Feiern, eine schöne Zeit haben– der Alkohol gehört oft dazu. Genau das wird vielen zum Verhängnis. Ein Betroffener hat uns erzählt, wie er nach jahrzehntelanger Sucht dem Alkohol entkam.

VON STEFANIE BECKRÖGE

Nur zuhause sitzen? Das kann Hermann Wienke* nicht. Vor sieben Wochen hat der 69-Jährige seine langjährige Lebensgefährtin geheiratet. Beide reisen gerne und viel. Wenn sie nicht unterwegs sind, arbeitet der Rentner drei Tage in einem Büro. Die Arbeit macht dem gelernten Bankkaufmann Spaß. Er möchte eine sinnvolle Aufgabe, eine Struktur. Jahrelang war ihm die abhandengekommen. Hermann Wienke ist alkoholkrank.

Mit 14 startete er seine Suchtkarriere. Apfelwein beim Freund, Bier bei langen Konzertabenden mit seiner Beatband. Schule, Ausbildung, erster Job – alles lief irgendwie. „Ich habe mich immer durchgewurschtelt und das hat geklappt“, sagt Wienke rückblickend. Aber der Alkohol blieb ein ständiger Begleiter. In der Schule war er gut, als Schulsprecher anerkannt, ein ambitionierter Sportler.

Seine Eltern interessierten sich nicht für seine Erfolge, aber für ihn war die Welt in Ordnung. Zweifel wurden weggefeiert – und weggetrunken. Sehr lange war das so. Auch noch, als seine erste Beziehung in die Brüche ging und aus den Bieren bis zu zwei Flaschen Wodka am Tag geworden waren.

Besorgniserregendes Ausmaß

Mehr als sieben Millionen Menschen nehmen hierzulande alkoholische Getränke in einem besorgniserregenden Ausmaß zu sich. Das ist fast ein Zehntel der Bevölkerung.

Bis zur Rente ging er arbeiten – auch wenn sich die Fehltage häuften. „Ich dachte, ich sei der einzige Alkoholiker auf der Welt, bei dem niemand etwas merkt.“ Morgens Wodka zum Klarkommen, nach der Arbeit Wodka bis zum Umfallen. Er hat versucht, trocken zu bleiben. Immer wieder mal. Mal war er in einer Klinik, mal hat er es selbst versucht. Das sei aber alles eher halbherzig gewesen, sagt er heute. Nur wenige Wochen später ging alles wieder von vorne los. Er habe Flaschen versteckt, auf Reisen immer versucht, einen Vorrat zu bunkern. Auch seine zweite Beziehung scheiterte am Alkohol.

Vor knapp zwei Jahren fasst Hermann Wienke den Entschluss, endlich wirklich aufzuhören und sein Leben wieder in Ordnung zu bringen. „Meine jetzige Frau hat mich sehr unterstützt“, sagt er. Er geht ins Klinikum Bremen-Ost zum Entzug. Die Suchtstation sei ein Rettungsring für Ertrinkende, sagt Wienke. Sie war auch ein Rettungsring für ihn. Aber Wienke weiß heute, dass ein Entzug nichts bringt, ohne den wirklich tief im Innersten gefassten Entschluss, wirklich trocken bleiben zu wollen.

„Einsicht ist Voraussetzung“, sagt er. Man müsse wirklich etwas ändern wollen. Dieser Prozess sei bei ihm ein langer gewesen. Aber nun ist er zuversichtlich. Er habe bisher nicht ein einziges Mal den Wunsch gehabt, zur Flasche zu greifen. Heute könne er auf Feiern gehen und andere Alkohol trinken sehen, und das sei völlig in Ordnung für ihn.

 

“Der alte Spruch ‚Pille statt Pulle hat ausgedient“

Prof. Dr. Jens Reimer, Direktor des Zentrums für Psychosoziale Medizin

Das Zentrum für Psychosoziale Medizin am Klinikum Bremen-Ost setzt bei der Suchttherapie auf eine Kombination von psychotherapeutischen und pharmakologischen Ansätzen. Professor Jens Reimer, dem Leiter des Zentrums und ausgewiesenen Suchtexperten, ist es wichtig, beide Ansätze gleichwertig zu betrachten und damit den aktuellen Leitlinien zur Suchttherapie zu folgen. Lange Zeit, so Reimer, sei die medikamentöse Therapie in der Sucht verpönt gewesen, weil man die Sucht eher als Charakterschwäche denn als Krankheit angesehen habe. Das wisse man heute besser. „Der alte Spruch ‚Pille statt Pulle‘, der meint, man ersetze bloß die Alkoholsucht durch die Abhängigkeit von Medikamenten und mache es den Betroffenen damit zu leicht, hat endgültig ausgedient“, so Reimer.

Auch Hermann Wienke ist sowohl mit psychotherapeutischen wie auch mit einem speziellen, erst seit einigen Jahren auf dem deutschen Markt zugelassenen Medikament behandelt worden. Fast ein Jahr halfen ihm die Tabletten, das Suchtverhalten, das Verlangen, zu unterdrücken. Nun braucht er sie nicht mehr. „Ich bin zufrieden trocken“, sagt er.

*Name geändert

Das Zentrum für Psychosoziale Medizin mit seiner Abteilung für Suchtmedizin am Klinikum Bremen-Ost finden Sie hier.

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