Zeitreise mit Gert – ein Selbstversuch im Altersanzug

Wie fühlt sich eigentlich das Alter an? Wir haben es getestet und sind in den Alterssimulationsanzug „Gert“ geschlüpft. Ein Selbstversuch im Klinikum Bremen-Ost.

VON TIMO SCZUPLINSKI (TEXT) UND KERSTIN HASE (FOTO/VIDEO)

Gert ist schon bereit. Gut sortiert liegt er in vielen Einzelteilen vor mir auf dem Tisch. Gert und ich sind verabredet. Er soll mir zeigen, wie sich das Alter anfühlen kann. Gert – so nennen sie in der Klinik für Geriatrie, Physikalische Medizin und Rehabilitation am Klinikum Bremen-Ost ihren Alterssimulationsanzug. Gert wegen Geriatrie – der Name liegt nah. Nun lerne ich ihn kennen. Er besteht aus zwei dicken Sohlen, diversen Gewichtsgurten, Halskrause, Kopfhörern und Skibrille. Es genügt, ein paar Klettverschlüsse festzuzurren. Und schon sind Gert und ich eng verschmolzen zu einer recht unbeweglichen Einheit. Mehr braucht es nicht für unsere Zeitreise ins Alter.

„Das ist das volle Programm. Sie sind jetzt 30 Jahre älter“, sagt Jana Feuerschütz. Die Ergotherapeutin vom Klinikum Bremen-Ost kennt Gert schon deutlich besser als ich. Sie weiß am besten, was er alles anrichten kann: Rückenschmerzen erzeugen, Augenerkrankungen simulieren, Knieprobleme machen, Alterszittern hervorrufen, einen Tinnitus nachspielen und beim Gehen gehörig verunsichern. Alles, was auf Menschen besonders im Alter so zukommen kann. Das Klinikteam nimmt Gert regelmäßig mit zu Messen oder Seminaren, um möglichst viele Menschen am eigenen Körper spüren zu lassen, was es bedeuten kann, alt zu werden. Auf diese Weise wird es nachvollziehbarer, was es heißt, wenn ältere Menschen über Gelenkschmerzen klagen oder über das schwindende Hör- und Sehvermögen sprechen.

30 Jahre älter? Dann wäre ich jetzt 62. Ich hatte eigentlich gehofft, dass ich mich in diesem Alter noch etwas besser bewegen könnte, als jetzt. Jetzt, wo ich Gert am Körper kleben habe und er keinen Schritt mehr von mir weicht. Er macht mich nicht nur 30 Jahre älter sondern mit seinen Gewichten auch mindestens genauso viele Kilos schwerer.

Mit meiner Ausrüstung würde ich in einem mobilen Einsatzkommando der Polizei wohl kaum groß auffallen. Jedenfalls so lange das Einsatzteam keinen Einsatz hat. Die Schuhe, in die ich geschlüpft bin, sehen aus wie eine Fehlproduktion zweier Badelatschen. Viel zu dicke Sohlen, die das Abrollen der Füße nun unmöglich machen. Die 25-Kilo-Weste auf meinen Schultern machen den aufrechten Gang nur noch schwer möglich. Die Kniegelenke sind durch Manschetten eingeschränkt. Die Gewichte an den Armen machen jeden Griff zu einer Herausforderung. Eine große Skibrille schränkt das Sichtfeld ein. Und durch die großen Kopfhörer wird um mich herum plötzlich alles dumpf – zur Abwechslung bekomme ich ab und zu einen Tinnitus auf die Ohren gespielt. Ich kriege kaum etwas mit, fühle mich isoliert, eingeschlossen in einer eigenen Welt. Dafür lächle ich immer höflich, wenn mir Jana Feuerschütz eine Aufgabe zuruft, die ich aber kaum verstehen kann.

Weil sie zwei Handschuhe in den Händen hält, tippe ich, dass ich diese jetzt wohl anziehen soll. Sie nickt. „Und jetzt schenken Sie sich mal ein Glas Wasser ein!“, ruft sie so laut, wie das für einen Schwerhörigen eben sein muss.

Einschenken? Nichts leichter als das. Wenn nur die Knöpfe nicht wären, an denen meine nette Betreuerin nun dreht. Erst kommt ein Kribbeln, dann zucken die Oberarme, Sekunden später schießen die Reize förmlich durch meine Handgelenke bis in die Finger. Ich zucke von der Schulter bis in die Fingerspitzen. Immerhin im Rhythmus. Es ist ein stetiger Wechsel von Anspannung und Entspannung durch Stromreize. „Sie haben jetzt einen Tremor“, ruft Jana Feuerschütz.

 

Auch das noch. Einen was? Das Zusammenziehen entgegenwirkender Muskelgruppen nenne man so, erklärt sie. Das Zucken könne ein Symptom verschiedener Krankheiten sein. Am bekanntesten sei das Zucken wohl bei der Parkinson-Krankheit oder dem typischen Alterszittern. Aber auch vom Schüttelfrost kenne man solch unwillkürliche, ruckartige Bewegungen des Körpers.

Meine Hände machen mittlerweile, was sie wollen. Stillhalten geht nicht mehr. Und kleckerfreies Einschütten des Wassers schon gar nicht. Was aber nur das kleinere Problem ist. Viel größer ist die Herausforderung, das vollgeplörrte Glas zum Mund zu führen, ohne dass gleich alles wieder verschüttet wird. Die Hälfte ist gerettet. Der Rest ist auf Tisch und Hose gelandet. Nicht im Mund.

Nächste Aufgabe: Zucker in ein Glas schütten und umrühren. Das nächste Dilemma. Ich bestreue natürlich den Tisch mit den feinen Körnchen, nicht das Glas. Die paar Zuckerkrumen, die es in den Tee schaffen, rühre nicht ich um. Ich halte bloß den Löffel ins Glas. Den Rest übernimmt der Tremor unter lautem Geklimper. Die Zuckungen helfen quasi mit. Rühren wie von Zitterhand. Aber schön ist das nicht. Ich fühle mich wie ein lebendiger Mixer.

Was mich gerade mal für ein paar Minuten nervt, damit müssen Tremorpatienten oft dauerhaft leben. Während der Essenszeiten hören Pfleger und Therapeuten von den Patienten oft den Satz „Ich bin satt“. Und meist beziehe sich das dann in erster Linie weniger auf das Essen, sondern auf das Sattsein vom Misserfolg, das Essen und Trinken nicht vernünftig zum Mund führen zu können, erzählt Feuerschütz. Aber auch um die klassischeren körperlichen Einschränkungen beneide ich in diesem Moment niemanden.

 

Denn Gert, die alte Klette, nervt allmählich. Der Tremor erst recht, aber den stellt Jana Feuerschütz nun aus. Als ich die nächste Aufgabenstellung höre, schalte ich einfach auf Durchzug. Kann ich ja auch überhört haben. Das kommt bei älteren Menschen wie mir schon einmal vor. Aber Jana Feuerschütz lässt nicht locker. Treppensteigen steht an. Aber erstmal muss ich dorthin kommen. Per Rollator geht es über den Krankenhausflur. Zwar höre ich wenig von dem Getuschel der Entgegenkommenden, aber ich spüre: Es ist da.

Statt Gerede höre ich nur ein „Gerade!“ von Jana Feuerschütz. Schön gerade soll ich gehen, nicht so krumm. Na klar. Aber weil ich die Umgebung kaum wahrnehme, befürchte ich in jedem Moment, über meine Gehhilfe zu stolpern und lasse den Blick und so auch meine Schultern doch wieder nach unten gleiten.

Nun die Treppen: Die ersten Stufen gehen gut. Doch jedes Anwinkeln und Abstoßen der Beine kostet Kraft. Ich werde immer krummer, um die Bewegungen einfacher zu machen und so Kräfte zu sparen. Nicht schön und schon gar nicht gesund, aber effektiv ist das. Zumal mir allmählich der Schweiß von der Stirn tropft. Das kann auch Gert nicht mehr gefallen. Ich glaube, wir haben keine gemeinsame Zukunft, lieber Gert. Jedenfalls jetzt noch nicht. Gert muss weg.

Nie klang das Ratschen eines Klettverschlusses schöner. Es ist ein Geräusch der Befreiung, als ich die Gewichte abreiße. Binnen Sekunden sind die Lasten fort. Wie sehr muss sich wohl ein wirklich Betroffener solch eine Befreiung im Klettverschluss-Verfahren wünschen?

Zur Klinik für Geriatrie, Physikalische Medizin und Rehabilitation kommen Sie hier

In unserer Juni-Ausgabe von “gesund mal 4” haben wir das Thema Altersmedizin in den Fokus gerückt. Darin finden Sie auch eine große Reportage über einen Selbstversuch im Alterssimulationsanzug “Gert”. Die neue Ausgabe erscheint am 1. Juni in unseren vier Krankenhäusern sowie  in Apotheken und Arztpraxen in und um Bremen. Die Reportage können Sie dann auch online unter www.gesundmalvier.de sehen – inklusive einer Bildergalerie und Videos.

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