Wie Kinder psychisch kranker Eltern leiden

Kinder von psychisch kranken Eltern gelten oft als frühreif und leben häufig isoliert. Sie trauen sich kaum, Mitschüler nach Hause einzuladen. Obendrein laufen sie Gefahr, selbst irgendwann einmal an einer Depression zu erkranken. Das Projekt “Kidstime” sollen diese Kinder in Bremen nun stärken.

VON ANDREA THEIL

In Bremen startet das neue Sozialprojekt “Kidstime”, mit dem insbesondere Kinder von psychisch kranken Eltern gestärkt werden sollen. Bis zu zwölf Familien können einmal im Monat in der Begegnungsstätte St. Stephani im Doventorsteinweg über ihre Erfahrungen und Probleme sprechen.

Oberarzt Dr. Friedrich Haun und Familientherapeutin Silvia Hoffmann-Dorenkamp aus der Klinik für Kinder-
und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Bremen-Ost (KiJu) unterstützen das Projekt. Beide arbeiten bereits seit vielen Jahren erfolgreich in der KiJu nach dem Konzept der Multifamilientherapie und bringen deshalb für das Projekt Kidstime ideale Voraussetzungen mit.

„Die Kinder psychisch-kranker Eltern übernehmen oft viel zu früh Verantwortung“, erklärt Oberarzt Dr. Friedrich Haun. Sie gelten bei Lehrern in der Schule oft als vorlaut oder frühreif. Außerdem isolieren sie sich häufig dadurch, dass sie sich nicht trauen, Freunde mit nach Hause zu bringen oder aus dem Familienleben zu erzählen. Niemand soll wissen, dass es zuhause oft unordentlich aussieht, der Vater Angst vor einer vergifteten Zahnbürste hat oder die Mutter teils tagelang das Bett nicht verlässt.

 

Kinder brauchen Rückmeldung

Dr. Friedrich Haun, Oberarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Bremen-Ost

FOTO: MICHAEL BAHLO

„Es ist wichtig, dass die Kinder die Rückmeldung erhalten, dass die psychisch kranken Verhaltensweisen eines Elternteils nicht in Ordnung sind. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sie sich mit den elterlichen Anteilen identifizieren und später selbst erkranken“, sagt Haun. Genau da will das Projekt „Kidstime“ ansetzen, leben doch rund 3,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland mit mindestens einem Elternteil, der unter einer psychischen Erkrankung leidet. Rechnerisch betrifft das damit fast 30.000 junge Menschen in Bremen.

„Die Erfahrung zu machen, dass es in anderen Familien ähnlich zugeht, verbessert die psychische Widerstandsfähigkeit und das eigene Vermögen der Kinder, mit Krisen besser klarzukommen“, erklärt Haun. Auch Theaterspiel helfe den belasteten Kindern, die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden und von der Krankheit des betroffenen Elternteils zu erzählen.

Ab Dezember treffen sich monatlich bis zu zwölf Familien zum Reden, Spielen und gemeinsamen Essen in den Räumen der St.-Stephani-Gemeinde im Doventorsteinweg. Neben Dr. Friedrich Haun und Silvia Hoffmann-Dorenkamp betreuen auch noch Thomas Ullrich als freier Theatermacher, Lisa Mohr aus dem Regionalen Beratungs- und Betreuungszentrum (REBUZ) sowie Diplom-Psychologe Henner Spierling aus dem Sozialpädiatrischen Zentrum des Agaplesion Diakoniekrankenhauses in Rotenburg/Wümme diese geschützten Treffen.

„Kinder psychisch kranker Eltern haben ein dreimal höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken“, sagt Haun und freut sich deshalb umso mehr über den Vorstoß der Bremer Sozialsenatorin Anja Stahmann, dieses Projekt erstmals in Deutschland voll zu finanzieren.

Kidstime-Schulung

Das Team des Sozialpädiatrischen Zentrums um Diplom-Psychologe Klaus Henner Spierling bietet seit 2015 Kidstime-Gruppen nach Vorbildern aus London und Barcelona an. Zurzeit werden über das Institut für Qualifizierung und Qualitätssicherung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Bremen-Ost neue Interessenten mit dem Ziel geschult, kurzfristig weitere Kidstime-Gruppen im Land Bremen zu übernehmen. Mehr Infos gibt es im Internet unter www.ququk-bremen.de unter Fortbildungen und Seminare.

Der Film des Agaplesion Krankenhauses in Rotenburg/Wümme gibt Einblicke in die Arbeit des Kidstime-Projekts (https://vimeo.com/205828872)

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