Chronische Erkrankungen – “Wir haben vieles selbst in der Hand“

Chronische Erkrankungen sind meist ein tiefer Einschnitt ins Leben. Nicht immer kann man sie verhindern, aber dennoch lässt sich das Risiko verringern. Wie das geht und was sich in der Therapie getan hat, darüber haben wir mit Prof. Dr. Johann Ockenga gesprochen.

Chronische Erkrankungen sind für Betroffene ein ständiger Begleiter in ihrem Leben, Erkrankte müssen erst lernen mit der Situation zurechtzukommen. Manchmal hat man keinen Einfluss darauf, ob sich eine chronische Erkrankung entwickelt, in einigen Fällen kann man mit Prävention aber auch möglichen Erkrankungen vorbeugen.  (FOTOS: KERSTIN HASE)

Herr Prof. Ockenga, wie entstehen eigentlich chronische Erkrankungen?
Prof. Dr. Johann Ockenga: Das Feld ist sehr weitgefächert. Aber im Kern geht es immer um exogene und endogene Faktoren, also um äußere Einflüsse, bei denen wir vieles oft selbst in der Hand haben, und um Dinge, die aus dem Inneren entstehen und genetisch veranlagt sind. Beide Faktoren bilden unser Gesamtrisiko, chronisch zu erkranken. Es sind meist schleichende Prozesse.

Also lohnt es sich, vor allem die äußeren Einflüsse in den Fokus zu nehmen?
Ja, darin steckt sehr viel Potenzial. Nehmen Sie das Beispiel kardiovaskulärer Erkrankungen – also Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems. Nach aktueller Studienlage sind 30 Prozent der Todesfälle hier ernährungsbedingt. Mit einer gesunden Lebensweise können wir das eigene Risiko selbst senken. Das gilt übrigens auch für Menschen, bei denen die genetische
Veranlagung eine große Rolle spielt.

Inwieweit?
Viele Menschen leiden zum Beispieleinfach an einer erhöhten Cholesterin-Konzentration. Das nennt man
Hyperlipoproteinämie. Das belastet das Gefäßsystem und erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Wenn hier noch – sagen wir – eine Western-Style-Diät dazukommt, also eine tendenziell fettige und ungesunde Ernährung, dann steigt die Gefahr einer chronischen Erkrankung. Wenn Sie dagegen eine gute Ernährungsform haben, dann reduzieren sie wiederum ihr Risiko. Das gilt auch für viele andere Erkrankungen.

Wie viel Prozent der Deutschen sind chronisch krank? Laut den Zahlen sind Frauen öfter betroffen als Männer. Bei den älteren Menschen leben mehr als die Hälfte mit einer chronischen Erkrankung. (Quelle: Robert Koch-Institut 2014 | Chronisch krank sein in Deutschland, Robert Bosch Stiftung, 2020)

Müsste Prävention also eine viel größere Rolle einnehmen?
Prävention ist ein wichtiger Faktor, aber die Frage ist auch: Wie bekommt man die Leute zur Prävention? Es klappt ja vor allem über Wissensvermittlung und letztlich hängt es an der Eigenmotivation. Je eher man mit einer gesunden, bewegungsreichen Lebensweise anfängt, desto besser kann man das Entstehen von Erkrankungen – gerade auch chronischen – beeinflussen. Das ist das Grundprinzip, um das es sich immer dreht. Wenn Sie bereits mit 20 oder 30 Jahren moderat Sport treiben, sich mediterran ernähren, dann wäre das ideal. Aber natürlich erzielt man auch noch einen Effekt, wenn man erst mit 50 oder 60 beginnt.

Und doch gibt es Erkrankungen, die man nicht verhindern kann.
Ja, die kommen unabhängig von den äußeren Einflüssen irgendwann. Dazu zählen chronisch entzündliche Erkrankungen, zum Beispiel des Darmsystems, aber auch andere Autoimmunerkrankungen und degenerative Erkrankungen spielen hier eine große Rolle, genauso wie psychische Erkrankungen wie Depressionen.

Inwieweit kann man den Erkrankungen heute mehr entgegensetzen als noch vor einigen Jahren?
Bei entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa wird heute zum Beispiel weniger oft eine Operation nötig. Da gibt es heute bessere Möglichkeiten, solche Erkrankungen mit Medikamenten länger im Griff zu haben. Dennoch müssen einige irgendwann doch operiert werden. Aber das sind deutlich weniger als noch vor 30 Jahren. Andere Beispiele sind Typ-I-Diabetes oder auch Multiple Sklerose. Insgesamt gibt es bei den großen Autoimmunerkrankungen heute deutlich bessere Medikamente, um das Immunsystem langfristig zu modulieren und zu beeinflussen.

Wann spricht man von einer chronischen Erkrankung?

Ein wichtiger Unterschied zu einer akuten Erkrankung ist der Faktor Zeit. Man spricht von chronischen Erkrankungen, wenn sie langwierig sind und über einen langen Zeitraum anhalten. Das können wenige Monate oder Jahre sein. Oft begleiten die Erkrankungen die Betroffenen aber auch ein Leben lang, Verläufe können in vielen Fällen nur gebremst, Krankheiten aber meistens nicht ganz geheilt werden. Eine chronische Erkrankung kann im Grunde überall im Körper auftreten – vom Herzkreis-Lauf-System über die Organe wie Lunge, Magen, Darm oder Leber und im Knochen- und Gelenkapparat. Ebenso kann das Nervensystem oder die Psyche betroffen sein. Die chronischen Erkrankungen lassen sich also nur schlecht miteinander vergleichen und jede Erkrankung ist ein eigenes Phänomen, deren Entstehung durch Veranlagung sowie den Lebensstil begünstigt werden kann.
Prof. Dr. Johann Ockenga ist Chefarzt der Medizinischen Klinik II am Klinikum Bremen-Mitte und Experte für
Gastroenterologie, Endokrinologie und Ernährungsmedizin
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