Eine Frau als Ikone der Herzchirurgie

Wie sich die Bremer Ärztin Dilek Gürsoy als türkisches Gastarbeiter-Kind in einer Männerdomäne der Medizin durchsetzt und als erste Frau in der Herzchirurgie in Europa einem Patienten ein künstliches Herz einpflanzt.

VON TIMO SCZUPLINSKI (TEXT) UND KERSTIN HASE (FOTO)

Wer Dr. Dilek Gürsoy nicht kennt, der braucht im Grunde nur ein paar wenige Stichpunkte, um zu erahnen, dass sich ein besonderer Lebensweg hinter der Wahl-Bremerin verbirgt. Als Kind türkischer Gastarbeiter in Deutschland geboren, in der Gesellschaft integriert und etabliert, Karriere in einem von Männern dominierten Beruf gemacht und als europaweit erste Frau in der Herzchirurgie einem Patienten ein Kunstherz eingepflanzt. Es ist ein Cocktail an Besonderheiten, der das Leben von Dilek Gürsoy prägt – es bietet alles, was eine gute Geschichte ausmacht. Und um sie ganz zu erzählen, braucht es natürlich ein paar mehr Worte.

Dilek Gürsoy sitzt in der Cafeteria des Klinikums Links der Weser. Seit 2016 arbeitet sie in dem Bremer Krankenhaus als Oberärztin in der Herzchirurgie. „Ich bin hierhergekommen, um meinen Horizont zu erweitern. Bremen ist in Sachen Herzchirurgie ein sehr spannender Ort. Ein echter Geheimtipp“, sagt die 41-Jährige. Mehr als 1800 Herzen werden hier pro Jahr vom Klinik-Team operiert. Täglich steht Gürsoy im OP-Saal. Hier wird nahezu das gesamte Spektrum der Herzchirurgie geboten. „Ich wollte mich weiterentwickeln. Chefarzt Professor Dr. Dieter Hammel hat mich dabei persönlich besonders beeindruckt“, sagt Gürsoy. Binnen kurzer Zeit lernt sie nicht nur dazu, sie wird während ihrer Bremer Zeit selbst zu so etwas wie einem Aushängeschild für die Herzchirurgie. Erst berichtet eine Lokalzeitung über Gürsoys einmaligen Lebensweg. Dann melden sich immer mehr Zeitungen, Radio- und Fernsehsender, die mehr über die Ärztin wissen wollen. Es entsteht ein kleiner Medien-Hype um die Medizinerin, die neben ihrer Arbeit am Klinikum Links der Weser in ihrer Freizeit auch noch in der Herzforschung arbeitet.

Dilek Gürsoys Leben ist geprägt vom Durchsetzen – verbunden mit der nötigen Prise Glück. 1976 wird sie im nordrhein-westfälischen Neuss geboren. Als Kind türkischer Gastarbeiter ist der Weg in die deutsche Gesellschaft nicht immer einfach. Als sie zehn Jahre alt ist, stirbt ihr Vater an einem plötzlichen Herztod. Ihre Mutter zieht sie und ihre beiden Brüder alleine auf. Unterstützung bekommt sie von einem befreundeten Ehepaar – der Familie Bisping. Sie merken schnell, dass die kleine Dilek das Zeug zu mehr hat – sie lotsen sie aufs Gymnasium, dort macht sie ihr Abitur. „Ich war zwar nicht immer super in der Schule. Aber ich hatte das feste Ziel, Chirurgin zu werden“, sagt sie. Also geht sie nach Düsseldorf, macht dort ihr Medizinstudium. Und dort fällt auch die endgültige Entscheidung, in die Herzchirurgie zu gehen.

Solch ein Kunstherz hat Dilek Gürsoy 2012 als erste Frau in Europa einem Patienten eingepflanzt. Es ist einer der ganz besonderen Momente, wenn solch eine Maschine die Arbeit des natürlichen Herzens übernimmt und so ein Leben gerettet werden kann.

„Im Studium haben wir bei zwei OPs zugeschaut. Links wurde im Bauchraum eines Patienten operiert, rechts an einem Herzen.“ Das weitgehend unblutige, kunstvolle und hochfeine Arbeiten am Herzen gefiel ihr besonders. „Das hat mich fasziniert“, sagt sie. Die Herzchirurgie wird zu ihrer eigenen Herzensangelegenheit.

Prägend ist für Gürsoy die Zeit bei Prof. Dr. Reiner Körfer, einer Ikone der Herzchirurgie. Er wird zu ihrem Förderer. Er merkt schnell, dass die junge Dilek Gürsoy Talent hat. Und er ermöglicht es ihr in der Herzchirurgie – einer von Männern geprägten Welt – ihr Können unter Beweis zu stellen. Zusammen arbeiten sie in Bad Oeynhausen, Essen und Duisburg. „Sich durchzusetzen war vielleicht nicht immer leicht. Aber auf meine Art habe ich es immer geschafft“, sagt Gürsoy. Erst recht als sie 2012 in Duisburg als erste Europäerin einem Patienten ein künstliches Herz implantiert. „Das war ein sehr besonderer Moment für mich“, sagt sie. Nicht nur solch ein Eingriff ist für Dilek Gürsoy mehr als ein bloßes Handwerk. „Die Herzchirurgie ist Kunst“, sagt sie.

Kunstherzen wie dieses sind wichtig, um Zeit zu überbrücken, bis eine Transplantation eines natürlichen Herzens möglich wird.

Bei jedem Handgriff im OP komme es auf Millimeter an. „Es gibt nichts Schöneres als ein Herz schlagen zu sehen“, sagt Gürsoy.

Mittlerweile ist sie längst in der Ärzte-Szene etabliert, durch die öffentliche Wahrnehmung ist sie vielleicht selbst zu einer Ikone der Herzchirurgie geworden. Während des Wahlkampfes wurde sie sogar von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem Treffen eingeladen. Die Kanzlerin war am Rande eines Wahlkampfauftrittes auf die Geschichte Gürsoys aufmerksam geworden.

In Bremen fühlt sich Dilek Gürsoy richtig wohl. An den Wochenenden fährt sie trotzdem noch regelmäßig in ihre Heimat nach Neuss. Allein schon, um in der Nähe zu sein, wenn ihre Borussia Fußball spielt. In Mönchengladbach hat sie eine Dauerkarte fürs Stadion, ihr Herz schlägt für die Fohlen-Elf. Dass es auch einmal für den anderen Verein mit der Raute als Wappen, den SV Werder Bremen, schlagen könnte, gilt dagegen eher als ausgeschlossen. Es ist vielleicht die einzige Herz-Verpflanzung, an die sich Dilek Gürsoy nicht herantrauen würde.

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