Ernährungsberatung im Krankenhaus: Auf den Nährstoffmix kommt es an

Die richtige Ernährung kann nicht nur das Erkrankungsrisiko verringern, sie kann bereits schwerkranken Menschen genauso gut helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Aber wie? Wir haben eine Ernährungsberaterin am Klinikum Bremen-Mitte dazu getroffen.

VON STEFANIE BECKRÖGE

Irmela Ubben hat einen einfachen aber einprägsamen Satz parat. Sie sagt: „Der Mensch ist nur, wenn er isst.“ Ubben sagt das aus Erfahrung. Sie ist seit vielen Jahren Ernährungsberaterin am Klinikum Bremen-Mitte. Und sie erlebt täglich hautnah, wie gut die richtige Ernährung schwerkranken Patienten helfen kann, bei Kräften zu bleiben. „Gerade durch Krebserkrankungen sind Patienten oft mangelernährt, manche abgemagert und so völlig kraftlos“, sagt Ubben.

Insbesondere im Krankheitsfall könne eine Mangelernährung dramatische Folgen haben, sogar eher zum Tod führen als die Grunderkrankung. Es ist ein immer wiederkehrendes Problem: Durch den Tumor und die anstrengenden Therapien benötigen viele Patienten eine erhöhte Kalorien- Fett-und Eiweißzufuhr. Doch gleichzeitig mögen die Betroffenen meist nur wenig oder gar nichts essen. Viele haben eine ausgeprägte Abneigung gegen Fleisch, andere einen verfälschten Geschmack oder sie können wegen eines Tumors im Mund oder Halsbereich gar nicht essen oder schlucken. Für jeden Einzelnen stimmen Ärzte gemeinsam mit Ernährungsberaterinnen eine geeignete Ernährung ab. Die Stufen reichen von Wunschessen über speziell angereichertes, sehr nährstoffhaltiges Essen, Zusatzdrinks bis hin zur Sonden- und Infusionsnahrung.

Irmela Ubben, Ernährungsberaterin

 

„Viele denken bei Sonden-Ernährung, dass das nun die Endstation ist. Doch das stimmt überhaupt nicht“, sagt Fachkrankenpflegerin Tanja Meyer, die am Klinikum Bremen-Mitte ausschließlich Patienten betreut, die über Sonden oder Infusionen ernährt werden. „Wenn ich einen Halstumor bestrahle, ist das wie ein Sonnenbrand im Hals. Da kann man einfach nicht essen“, erklärt sie. Dann gebe es zu einer Ernährung über eine Sonde oder über einen Venenkatheter keine Alternative. Bei anderen sei viel Zuspruch nötig. „Die Patienten werden viel schneller wieder gesund und fühlen sich auch schneller wieder besser, wenn sie in dieser schwierigen Zeit mit dem richtigen Nährstoffmix versorgt werden. Diesen Mix können wir exakt bestimmen“, erklärt Irmela Ubben.

Klingen die akuten Beschwerden ab, werden die Patienten langsam wieder ans Essen gewöhnt. Dann wird die zugeführte Ernährung zurückgefahren, aber noch so lange beibehalten, bis es durch spezielle Diäten mit vielen Kalorien auch ganz ohne geht. „Dazu muss aber der Appetit wieder da sein“, sagt die Ernährungsberaterin. Dann empfiehlt sie in Gesprächen mit Patienten und Angehörigen geeignete Kochbücher und berät zum Umgang mit Fetten und Eiweißen. „Muss die Fettzufuhr gesteigert werden, kann man mit guten, wohlschmeckenden Ölen kochen, aber auch mal richtig Sahne an die Suppe geben“, sagt sie.

Wenn ich einen Halstumor bestrahle, ist das wie ein Sonnenbrand im Hals. Da kann man einfach nicht essen.

Irmela Ubben

Dabei gilt es, viele individuelle Bedürfnisse zu beachten. Essen ist ein existenzielles und auch oft emotionales Thema. Da braucht es Fingerspitzengefühl. Der Umgang mit dem Essen ist auch für Angehörige manchmal heikel. Ubben weiß, dass viele mit liebevoll selbst gekochten Köstlichkeiten helfen möchten. Doch der Appetit bei den Patienten sei oft einfach nicht vorhanden oder sehr schwankend. „Das führt zu vielen Krisen.“

Um das Risiko von Mangelernährung einzudämmen, fordern Ernährungsmediziner wie der Bremer Chefarzt Prof. Dr. Johann Ockenga, flächendeckend Ernährungsscreenings in Krankenhäusern einzuführen. Seine Klinik geht aktuell als Vorreiter mit dem von der Europäischen Gesellschaft für Klinische Ernährung und Stoffwechsel empfohlenen „Nutritional Risk Screening“ vorweg. Dieser einfache Fragebogen soll dabei helfen, die Ernährungssituation von Beginn an besser einschätzen zu können und eine Mangelernährung schneller festzustellen. Darüber hinaus stimmen sich die Ernährungsberater aller Gesundheit-Nord-Häuser regelmäßig über neue Konzepte, Studien und Methoden ab und erarbeiten gemeinsam Informationsmaterial für Patienten und Angehörige.

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