Ethikkomitee: Es geht um mehr als richtig oder falsch

Das Ethikkomitee beschäftigt sich mit den ethischen Fragen im klinischen Alltag. Es berät. Es vermittelt. Doch die beste Lösung zu finden, fällt nicht immer leicht, wie unser Beispiel zeigt.

VON STEFANIE BECKRÖGE

Renate Mindermann* hat einen schweren Schlaganfall erlitten. Sie ist nicht ansprechbar, wird über eine Sonde ernährt. Da sie selbst jahrelang in der Pflege tätig war, hat sie schon frühzeitig eine detaillierte Patientenverfügung verfasst. Lebensverlängernde Maßnahmen soll es nicht geben. „Dahinvegetieren“ will sie nicht. Für ihre Schwester, die die Patientin als Betreuerin eingesetzt hat, ein klarer Fall – die Ärzte sollen die Sonden-Ernährung einstellen. Diese aber beurteilen den Fall anders: Auch wenn Renate Mindermann sehr schwer betroffen ist, sehen sie Chancen, dass sich ihr Zustand mit einer intensiven Therapie wesentlich verbessern könnte. Was nun?

Beide Parteien einigen sich, das Klinische Ethikkomitee des Klinikums Bremen-Mitte anzurufen und um ein Gespräch zu bitten. Differenzen zwischen Patienten, Angehörigen und Ärzten, die die Therapiefestlegung betreffen, sind ein klassischer Fall für ein Ethikkomitee. In diesem Komitee sind verschiedene Berufsgruppen des Krankenhauses, darunter Ärzte, Pfleger, Seelsorger, Juristen und die Direktion des Hauses, aber auch Ehrenamtliche vertreten. Sie beschäftigen sich neben ihrer täglichen Arbeit mit ethischen Fragen im klinischen Alltag, beraten und vermitteln – wie bei Renate Mindermann.

Zentrales Anliegen eines Ethikkomitees ist es, den Patientenwillen herauszufinden und umzusetzen. „Dabei geht es nicht um richtig oder falsch, sondern darum, einen Weg zu finden, der für alle tragbar ist“, sagt Dr. Klaus-Peter Hermes, Chefarzt der Notaufnahme und Leiter des Ethikkomitees am Klinikum Bremen-Mitte. Im Fall von Renate Mindermann einigen sich deren Schwester und die Ärzte in dem Gespräch mit Vertretern des Ethikkomitees, Renate Mindermann in die Klinik für Neurologische Frührehabilitation ins Klinikum Bremen-Ost zu verlegen und nach einem halben Jahr noch einmal neu zu entscheiden. Eine solche Frist hatte Renate Mindermann selbst eingeräumt, wenn die Prognose nicht eindeutig sein sollte.

Es geht darum, einen Weg zu finden,der für alle tragbar ist.

Klaus-Peter Hermes

Leiter des Ethikkomitees, Klinikum Bremen-Mitte

Was ist Lebensqualität? Was bedeutet sie für den Patienten? Was für die Angehörigen? „Auf Fragen wie diese kann es keine Standardantworten geben“, sagt Klaus-Peter Hermes. Für ihn und seine Kollegen war es von Vorteil, dass Renate Mindermann ihre Wünsche so genau formuliert hat. Deutlich schwieriger wird es, wenn keine Verfügung vorliegt. Er rät deshalb allen dazu, bei einer Patientenverfügung möglichst genau zu beschreiben, was im Ernstfall gemacht und was nicht gemacht werden soll. Dafür könne man sich immer Rat beim Hausarzt holen. Ebenso wichtig sei aber, eine Betreuungsverfügung aufzusetzen und einen Wunsch-Betreuer zu benennen, wie die Schwester im Fall von Renate Mindermann. Ansonsten müsse das Betreuungsgericht einen Betreuer bestellen.

Renate Mindermann wird nach einiger Zeit ins Klinikum Bremen-Ost verlegt. Die Sorge der Schwester, ihre Übereinkunft mit den Ärzten sei in einem anderen Haus nicht mehr bindend, ist unbegründet. Das Ethikkomitee würde den Vorgang in jedem Fall wieder aufnehmen und die behandelnden Ärzte kontaktieren. Da es sich beim Klinikum Bremen-Ost ebenfalls um ein Haus der Gesundheit Nord handelt und alle Ethikkomitees der vier Krankenhäuser sich ohnehin persönlich kennen und austauschen, sind die Dienstwege kurz. Nach einem halben Jahr fordert die Schwester gemäß der Patientenverfügung erneut die Einstellung der Sonden-Ernährung, weil ihr der Gesundheitszustand ihrer Angehörigen zwar verbessert, aber noch nicht so wie der in der Verfügung beschriebene erscheint. Die Ärzte beurteilen den Zustand wiederum anders und sehen noch weitere Chancen, aber die Schwester möchte die Maßnahmen im Sinne des mutmaßlichen Willens ihrer Angehörigen nun endgültig beenden. Für die Ärzte ist diese Entscheidung bindend. Sie ziehen die Sonde. Nach einer knappen Woche verstirbt Renate Mindermann.

*Name geändert

Ethik-Komitees gibt es in allen Häusern der Gesundheit Nord. Sie können von Patienten, Angehörigen und Ärzten hinzugezogen werden, wenn es Konflikte um die Ausrichtung der Therapie bei Schwerkranken gibt.
Die Ethikkomitees der Gesundheit Nord empfehlen zum Thema Betreuungsrecht und Patientenverfügung die Broschüre des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz (www.bmjv.de).

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