Gerüchteküche – Ernährungsmythen auf der Spur

Dickmacher? Fitmacher? Oder doch Krankmacher? Über unsere Lebensmittel gibt es Tausende Weisheiten, doch welche stimmen und welche sind falsch? Wir haben einige Ernährungsmythen mit Ernährungsmediziner Privatdozent Dr. Jan-Michel Otte genauer unter die Lupe genommen. Klicken Sie sich durch unsere Gerüchteküche.

Mythos #1: Brot macht dick und ist ungesund

Gerade für die Verfechter kohlehydratarmer Nahrung steckt der Teufel oft im Brot: Es mache dick und trage sogar Mitschuld an Diabetes. Das ist so allerdings nicht richtig: Gerade Vollkornbrot (echtes Vollkornbrot, kein mit Malz eingefärbtes Weißbrot) hat sehr viel Ballaststoffe. Die sind gesund und machen satt. Außerdem liefert es verschiedene Vitamine sowie Iod, Fluor, Magnesium und Zink.

Mythos #2: Bio-Lebensmittel sind gesünder

Nicht unbedingt. Laut einer Analyse der Stanford University, die in der Fachzeitschrift „Annals of Internal Medicine“ veröffentlicht wurde, sind biologische Lebensmittel kaum oder gar nicht nährstoffreicher. Öko-Lebensmittel enthalten nicht mehr Vitamine und nicht weniger Krankheitserreger als Lebensmittel aus nicht-biologischem Anbau. Lediglich das Risiko, dass Obst und Gemüse Pflanzenschutzmittel beinhalten, ist bei Bio-Lebensmitteln geringer.

Mythos #3: Milch ist ungesund und Vollmilch macht dick

Milch kann ganz sicher ein wesentlicher Bestandteil einer gesunden Ernährung sein. Wer Milchzucker (Laktose) verträgt und nicht gegen Milchbestandteile allergisch ist, kann sie ohne Angst verzehren. Milch hat einen hohen Anteil wichtiger Nährstoffe wie z.B. Kalzium, Jod, hochwertige Eiweiße, vielfältige Fettsäuren. Langzeitstudien zeigen, dass bei regelmäßigem Konsum von Milch und Milchprodukten das Risiko für Schlaganfälle, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes oder Darmkrebs sinkt.

Mythos #4: Kaffee macht krank

Falsch! Kaffee hat viele gesundheitsfördernde Effekte. Allein ein starker Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz bei übermäßigem Konsum könnte schädlich sein. Entgegen der früheren Meinung „entwässert“ Kaffee auch unseren Körper nicht. Der Einfluss auf den Wasserhaushalt ist gering, so dass Kaffee heute in die Flüssigkeitsbilanz des Tages mit einbezogen wird.

Mythos #5: „Light“, „Leicht“ oder „Fettarm“ hilft beim Abnehmen

Die Lebensmittelindustrie hat den Trend zu bewusster Ernährung entdeckt und nutzt ihn mit Fitness- und Wellness-Begriffen gezielt aus. Oft werden jedoch Lebensmittel beworben, die alles andere als kalorienarm sind. Bei fettarmen Produkten wird der Geschmacksmangel häufig durch andere Inhaltsstoffe wie beispielsweise Stärke und Zucker ausgeglichen. Der Kaloriengehalt unterscheidet sich dann kaum, ist manchmal durch den hohen Zuckergehalt sogar höher und das „Light Produkt“ am Ende gar nicht gesund. Genau hinsehen lohnt sich!

Mythos #6: Saures macht lustig

Um 1700 bedeutete „lustig“ so viel wie „gelustig“. Also: „auf etwas Lust haben“. Gemeint ist die Lust auf Essbares. Genau betrachtet macht sauer also nicht lustig sondern hungrig! Die Säure reizt nicht unsere Lachmuskeln, sondern regt den Speichelfluss und die Magensäureproduktion an. Deshalb finden sich in vielen Vorspeisen, Antipasti oder Tapas auch Gurken, Kapern, sauer eingelegte Pilze, Auberginen und Meeresfrüchte.

Mythos #7: Frisches Gemüse ist besser als Tiefgekühltes

Diese Aussage stimmt eindeutig nicht. Tiefkühlkost kann sogar gesünder sein als frische Lebensmittel. Das Gemüse, das im Tiefkühlfach landet, wird oft frisch vom Feld schockgefroren. Dadurch bleiben viele Vitamine erhalten, die licht-, luft- und wärmeempfindlich sind. Bei frischem Gemüse kann es dagegen vorkommen, dass es Tage lang in Kisten im Supermarktregal liegt und dadurch einen Großteil seines Vitamingehalts einbüßt.

Mythos #8: Fett ist ungesund

Fett ist nicht gleich Fett. Deshalb ist diese Verallgemeinerung falsch. Gesund sind die ungesättigten, die insbesondere in pflanzlichen Fetten (etwa Olivenöl) und Fisch vorkommen. Tierisches Fett liefert dagegen ungesunde “gesättigte” Fette. Da jedoch alle Fette dick machen, sollte höchstens ein Drittel unserer täglichen Kalorien aus Fetten stammen.

Mythos #9: Kohlenhydrate am Abend sind schädlich

Viele Menschen – vor allem die, die gerne ein paar Pfunde weniger auf den Hüften hätten – verzichten am Abend auf das Essen. Es gibt zahlreiche Studien, die sich mit der Fragestellung beschäftigt haben. Die Antworten sind widersprüchlich. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGE) sagt aber eindeutig: Entscheidend ist nicht, wann gegessen wird. Entscheidend ist vielmehr die gesamte Energie, die über den ganzen Tag verteilt aufgenommenen bzw. verbraucht wird.

 

Mythos #10: Fleisch erhöht das Entzündungsrisiko

Fleisch und Fleischprodukte sollten sparsam konsumiert werden. Zahlreiche Studien belegen, dass rotes Fleisch – und hier insbesondere Schweinefleisch, die Entstehung von chronischen Entzündungen, Gefäßveränderungen, Stoffwechselerkrankungen wie Gicht und Diabetes und sogar Krebserkrankungen fördert. Fleisch gehört also nicht täglich auf unsere Teller !

Mythos #11: Rohrzucker und Agavensaft sind gesünder als Industriezucker

Falsch. Fruchtzucker mag zwar ein gesünderes Image haben, da er hauptsächlich in Obst enthalten ist. Allerdings enthält er genauso viele Kalorien wie herkömmlicher Zucker. Süßen mit Fruchtzucker ist also nicht gesundheitsfördernd. Nimmt man zu viel Fruchtzucker zu sich, kann dies sogar zu Übelkeit und Durchfall führen. Ferner kann der Verzehr von Fruchtzucker zu einem Ausbleiben des Sättigungsgefühls und damit mehr Hunger führen.

Mythos #12: Brauner Zucker ist gesünder als weißer

Nein! Zucker bleibt Zucker. Egal, ob braun oder weiß. Er besteht immer zu rund 99 Prozent aus reiner Saccharose. Zwar können bei der braunen Variante irgendwo noch ein ganz kleines bisschen Vitamine stecken, aber die Menge ist so gering, dass sie bei der Ernährung in puncto Gesundheit keine Rolle spielt.

Mythos #13: Ein Apfel am Tag hält den Arzt fern

Allein der Apfel vermag dies nicht. Wird der Apfel aber als Symbol für einen gesunden Lebensstil betrachtet, kann dieser in der Tat den Doktor fernhalten. Besser steht der Apfel da, wenn es um verschreibungspflichtigen Medikamenten geht. In einer großen amerikanischen Studie haben Apfelesser deutlich weniger verschreibungspflichtige Medikamente benötigt als die Apfelverächter.

Mythos #14: Vitaminpräparate ersetzen Obst und Gemüse

Die isolierte Aufnahme einzelner Vitamine ersetzt die Gesunde Ernährung nicht. In den meisten Fällen ist die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, zu denen auch Vitaminpräparate zählen, überflüssig. Ausnahmen können Menschen mit einseitiger oder unzureichender Ernährung, Schwangerschaft, Stillzeit, älteren Menschen oder chronische Kranke sein. Aber auch hier sollte ein Arzt prüfen, was wirklich notwendig ist.

Mythos #15: Einmal täglich muss warm gegessen werden

Auf die Temperatur, beziehungsweise den Kochgrad, des Essens kommt es wirklich nicht an. Wichtiger für eine gesunde Ernährung ist, dass auf eine ausgewogene Mischung an Nährstoffen geachtet wird. Das bedeutet ein Gleichgewicht aus Kohlenhydraten, Eiweiß, Fett, Vitaminen und Mineralstoffen. Natürlich gibt es jedoch auch Lebensmittel, die roh ungenießbar sind – wie zum Beispiel Kartoffeln, Geflügel oder Hülsenfrüchte. Aber die meisten anderen Lebensmittel können auch ungekocht verzehrt werden und verlieren bei falscher Zubereitung durch Hitze sogar ihre Nährstoffe und Vitamine

Mythos #16: Zwei Liter Wasser am Tag sind Pflicht

Zwei Liter Wasser am Tag sind Pflicht

Diese Annahme ist veraltet. Tatsächlich sollte jeder seinen Flüssigkeitsbedarf selbst errechnen, raten Ökotrophologen. Die Gleichung funktioniert recht einfach: Das Körpergewicht mal 0,03 nehmen. Das gilt nicht, wenn man viel Sport macht oder beispielsweise mit hohem Fieber krank ist. Dann sollte auch ein dementsprechend höherer Wasseranteil dem Körper wieder zugeführt werden.

 

Mythos #17: Ein Glas Rotwein schützt das Herz

Wie gerne hätte man eine Entschuldigung für das Gläschen am Abend. Die aus der Schale von roten Trauben gewonnen Substanz Resveratrol soll verkalkten Arterien vorbeugen und so das Risiko für Herzinfarkte senken. Dieser Effekt konnte jedoch bisher glaubhaft nur in Tierversuchen nachgewiesen werden. Die negativen Auswirkungen des Alkoholkonsums sind hingegen auch beim Menschen gut belegt.

Mythos #18: Margarine ist besser als Butter

Margarine ist nicht automatisch gesünder als Butter und hat auch nicht weniger Kalorien. Vor allem für Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen ist die Margarine aber die bessere Alternative, weil sie gesündere pflanzliche (ungesättigte) Fettsäuren enthält. Butter enthält jedoch viel Kalzium und Vitamine, die der industrielle hergestellten Margarine erst zugesetzt werden müssen. Letztlich kommt es also wie bei allen Nahrungsmitteln auf die Menge an: Wer sich ausgewogen ernährt und sich bewegt, kann auch problemlos Butter essen.

Mythos #19: Kochen zerstört Nährstoffe

Beim Kochen können bestimmte Nährstoffe zerstört werden. So werden im Kochtopf Vitamine abgebaut und wasserlösliche Substanzen ausgelaugt. Andererseits sind einige Nährstoffe nur durch Garen für den Körper verfügbar. Darüber hinaus werden durch das Erhitzen Keime und ungünstige Stoffe unschädlich gemacht. Nur auf Rohkost zu setzen, ist deshalb falsch: Diese ist nämlich schwer verdaulich. Unverdaute Nahrung im Darm kann zu Verdauungsstörungen, schmerzhaften Blähungen und Durchfälle führen. Deshalb: Zur Abwechslung weiterhin auch mal gekochtes Gemüse essen.

Privatdozent Dr. Jan-Michel Otte

ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Klinikum Links der Weser mit den Schwerpunkten Gastroenterologie, Hämatologie und Onkologie, Infektiologie, Diabetologie, Ernährungsmedizin und Stoffwechsel.

Zur Klinik für Innere Medizin am Klinikum Links der Weser geht es hier

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