Reportage: Pflege in der Kinderklinik

Babys, Kleinkinder, Teenager, Notfälle. Die K2 der Kinderklinik in Bremen-Nord ist eine Station mit einem besonders breiten Spektrum an Krankheiten und Altersstufen. Wir haben das Stationsteam bei einer Schicht begleitet.

VON KERSTIN HASE (FOTOS) UND TIMO SCZUPLINSKI (TEXT/SCHNITT)

Einmal noch kurz sammeln, dann klopft Jessica Mahler drei Mal an die Tür. Ihren Kopf hält sie seitlich, den Blick zum Rahmen, als wollte sie ganz genau hören, ob ein Herein als Antwort durch die schwere Zimmertür zurückschallt. Ein kurzer Moment noch. Ein leises Ja tönt von drinnen. Dann betritt sie das Patientenzimmer. Dort liegt schon die kleine Mia* auf dem Wickeltisch, bewacht von ihrer Mutter. Eine Woche ist Mia erst alt. Ihr Bauchnabel hat sich nach der Geburt entzündet. Nun steht etwas Nabelpflege auf dem Programm. Ein Blick von allen Seiten. Ein paar Tupfer. „Aber das sieht schon deutlich besser aus“, sagt Jessica Mahler und nickt der Mutter lächelnd zu.

So klein Mia noch ist, ist sie doch einer der etwas harmloseren Fälle auf der Kinderstation K2 im Klinikum Bremen-Nord. Jessica Mahler, die stellvertretende Stationsleitung, und ihr Team haben hier täglich mit ganz unterschiedlichen Fällen zu tun: Lungenentzündungen, Stoffwechselerkrankungen, Beinbrüche. Wartet hinter der einen Tür ein Säugling, liegt im nächsten vielleicht schon ein Teenager. Hinter jeder Zimmertür muss sich das Klinikteam auf verschiedene Krankheiten, Altersstufen und Charaktere einstellen, von jetzt auf gleich umswitchen. „Das ist hier jeden Tag eine Überraschungskiste“, sagt Jessica Mahler.

 

“Ah, Schwester Paul”

Nun klingelt ihr Telefon. „Ah, Schwester Paul“, ruft sie in den Hörer. So nennen sie hier auf der K2 mit einem Augenzwinkern den netten Kollegen, der dem Stationsteam von unten aus der Zentralen Notaufnahme immer so früh wie möglich die Ankunft des nächsten Notfalls ankündigt. „Kollaps mit Erbrechen. Außerdem Verdacht, dass der Patient etwas verschluckt hat“, berichtet Mahler, als sie aufgelegt hat.

Vom Zimmer der kleinen Mia auf der K2 geht es nun also über Flur in Richtung Notfallambulanz. Wenige Minuten später haben drei Rettungssanitäter den kleinen Jannis mit seiner Mutter bereits dorthin begleitet. Mahler und eine Ärztin empfangen den Vierjährigen, dessen Situation nicht so prekär scheint, wie zunächst befürchtet. Das Kind ist bei vollem Bewusstsein, hat nichts verschluckt. Erleichterung. Jessica Mahler hat im Nu das Vertrauen des Jungen gewonnen, indem sie unaufgeregt mit Jannis spricht und ihm alles um ihn herum erklärt. Dass der Kleine wegen seiner Stoffwechselerkrankung – einem Spezialgebiet der Kinderklinik in Bremen-Nord – schon öfter da war und sich mit vielem schon auskennt, trägt sein Übriges zur Situation bei. Aus dem Notfall Jannis wird schnell ein Normalfall, der vielleicht noch eine Nacht zur Beobachtung mit seiner Mutter auf der K2 bleiben muss.

 

“Kinder können oft nicht beschreiben, was ihnen wehtut”

Säugling, Kleinkind und viele verschiedene Erkrankungen: Die Aufgaben von Jessica Mahler, stellvertretende Stationsleitung, und ihrem Team sind auf der K2 besonders vielfältig.

„Wir müssen für jede Situation gewappnet sein. Genau diese Mischung aus normalem Stationsbetrieb und Notfallambulanz ist hier etwas sehr Besonderes“, sagt Jessica Mahler. Das Stationsteam der K2 deckt die Notfallambulanz über 24 Stunden rund um die Uhr mit ab. „Das ist eine große Herausforderung und für sehr viele Kollegen auch ein besonderer beruflicher Anreiz“, sagt Mahler. Ist es jetzt noch ganz ruhig auf der Station, kann es im nächsten Moment schon viel hektischer werden. Das fordert dem Team nicht nur eine Menge Flexibilität ab, sondern auch eine gehörige Portion Einfühlungsvermögen. „Kinder können oft nicht beschreiben, was genau ihnen wehtut“, sagt Mahler. Dann gelte es besonders genau hinzuschauen und winzige Zeichen richtig zu deuten.

Auch Sebastian Kaiser ist auf diese Situationen vorbereitet. Als Jessica Mahler vorhin zum Notfall gerufen wird, versorgt er die kleine Mia weiter. „Es ist wichtig, dass wir als Team gut funktionieren und uns auf den anderen verlassen können. Das klappt hier wirklich gut“, sagt Kaiser. Er ist der einzige männliche Kollege im Pflegeteam, examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger, und arbeitet seit dem Herbst auf der K2 in Bremen-Nord.

Mit drei examinierten Pflegekräften werden die Tagesschichten besetzt. Nachts sind es zwei Kollegen. Auf der K2 ist ein vergleichsweise junges Team im Einsatz. Aus dem 2018er Ausbildungsjahrgang haben sich gleich drei Kolleginnen für die Station entschieden. Ein kleiner Segen zu Zeiten, in denen Pflegekräfte im ganzen Land gesucht werden.

 

Eltern als große Unterstützer

Nun bereitet Sebastian Kaiser mit Ärztin Lena Reinhard den Rundgang durch die Patientenzimmer vor, er spricht mit ihr über die Patienten und ihre aktuellen Situationen. Doch nicht nur Pfleger und Ärzte arbeiten hier eng zusammen. „Gerade auf der Kinderstation spielen die Eltern eine große Rolle“, sagt Kaiser. „Natürlich machen sie sich die größten Sorgen. Aber sie sind auch die wichtigste Stütze für die Kleinen.“ Auch für das Stationsteam können sie eine große Unterstützung sein. Viel stärker als das noch früher der Fall war, werden Eltern heute möglichst eng mit eingebunden.

So wie bei der kleinen Antonia, zu der es nun ins Zimmer geht. Sie leidet an einer hartnäckigen Bronchitis. Es ist bereits das vierte Mal in den vergangenen Monaten. Und auf ihrem Zimmer muss sie regelmäßig eine Inhalationsmaske aufsetzen. „Das sind genau die Aufgaben, bei denen Eltern mithelfen können. Sie fühlen sich so weniger hilflos, und gleichzeitig schafft es Entlastung für uns als Team. Eine Win-Win-Situation“, sagt Kaiser.

Ein eingespieltes Team. Für das Stationsteam um Sebastian Kaiser steht die enge Zusammenarbeit ganz weit oben. Denn: Sie müssen für jede Situation gewappnet sein.

Nicht immer klappt das optimal, manchmal ist die Sprachbarriere einfach zu groß, wenn man einer Mutter erklären möchte, dass ihr Baby kurz vor dem täglichen Wiegen nicht noch eine Portion Milch verabreicht bekommt, die das Ergebnis verfälschen könnte. Und umso größer ist die Erleichterung, wenn solche Barrieren doch überwunden werden können.

Der kleinen Antonia geht es bereits etwas besser. Infusionen und Inhalation können langsam heruntergefahren werden. Nicht mehr lange, dann darf sie wohl schon nach Hause. Auf Jessica Mahler, Sebastian Kaiser und das Team warten dann schon längst neue Fälle in der Überraschungskiste K2.

Die Namen der Kinder haben wir geändert.

Die Klinik im Überblick

Auf den Stationen der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Bremen-Nord werden vom Frühgeborenen bis zum jungen Erwachsenen alle Patienten medizinisch und pflegerisch umfassend versorgt. Neben der Neonatologie – also der Frühchenstation – gibt es die pädiatrische Station (K2) samt Notfallambulanz. Außerdem gibt es in der Klinik von Chefarzt Dr. Gunter Simic-Schleicher eine Kinderambulanz, in der Kinder mit Drüsenerkrankungen, Entwicklungs- und Wachstumsstörungen, Reifestörungen und Übergewicht überwiesen werden. Auch Störungen der Harnwege und der Geschlechtsentwicklung sowie neurologische Krankheitsbilder gehören zum Behandlungsspektrum. Ein besonderer Schwerpunkt ist die Diabetologie. Die Klinik ist von der Deutschen Diabetes Gesellschaft als stationäre und ambulante Behandlungseinrichtung für Kinder und Jugendliche mit Diabetes mellitus als Zertifiziertes Diabeteszentrum anerkannt.

 

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