Krebs und Corona: “Ich gebe zu: Ich habe Angst”

Wie gehen Menschen, die zu einer Risikogruppe gehören, eigentlich gerade mit der Corona-Situation um? Ein Beispiel dafür ist Fenja Harms. Die 23-jährige Bremerhavenerin kämpft seit mehr als zwei Jahren gegen ihre Leukämie-Erkrankung. Das Isoliertsein ist für sie eine bekannte Situation.

VON TIMO SCZUPLINSKI

Fenja Harms bleibt wie viele Menschen gerade vorwiegend zuhause. Der Unterschied zu den meisten ist, dass die junge Bremerhavenerin zu einer der Risikogruppen gehört. Fenja Harms kämpft seit mehr als zwei Jahren gegen Leukämie – und sie ist auf einem guten Weg diesen Kampf zu gewinnen. Das Coronavirus ruft bei ihr jedoch neue Sorgen hervor. „Ich gebe zu, ich habe Angst. Angst vor einem Virus, das wieder Krankenhaus bedeuten würde. Im schlimmsten Fall Beatmung. Wieder Leid. Leid, das ich gerade erst überwunden habe. Leid, das ich nicht mehr spüren möchte und niemandem wünsche.“

In ihrem Blog und über Instagram berichtet Fenja Harms regelmäßig über sich und ihre Krankheit – und auch darüber wie sie in Zeiten der Corona-Krise mit der neuerlichen Isolation umgeht. Denn das Abgeschottetsein ist für sie eine bekannte Situation. Erst im Krankenhaus, später zuhause. Bereits während ihrer Krebstherapie war sie etwa ein halbes Jahr lang quasi in Quarantäne. „Da war die Einschränkung noch größer als sie jetzt für die meisten ist“, sagt die 23-Jährige. Kein Einkaufen, keine Spaziergänge, keine Bus- und Bahnfahrten, jeder Kontakt zu anderen hätte für Fenja Harms ein Risiko bedeutet, denn ihr Immunsystem war durch die Therapie stark geschwächt. „Klar, man fühlte sich wie eingesperrt. Aber man überlebt es. Ich verspreche es! Während der Chemo war ich quasi dauerhaft in diesem Zustand“, sagt sie. Umso mehr belastet es sie, mit anzusehen, dass sich der ein oder andere nicht richtig an die Beschränkungen halte. „Wie schwer kann es sein, für eine relativ kurze Zeit Rücksicht auf seine Mitmenschen zu nehmen und nur für das Nötigste sich unter Menschen zu begeben?“

Rückblende: 2018 – Fenja Harms steht mitten in ihrem neuen Leben. Die junge Bremerhavenerin ist nach Hamburg gezogen, studiert und genießt neue Selbstständigkeit. Doch aus diesem Leben wird sie mit einem Mal herausgerissen. Fenja Harms ist an der akuten lymphatischen Leukämie – kurz: ALL – erkrankt. Eine besonders aggressive Form des Blutkrebses. Vornehmlich Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene erkranken daran. Für Fenja Harms ist die Diagnose ein Schock. Für sie beginnt eine belastende Zeit. Chemotherapie steht auf dem Plan. Ihr Behandlungsort: das onkologische Zentrum im Klinikum Bremen-Mitte. Sieben Wochen am Stück muss sie im Krankenhaus bleiben. Sieben Wochen darf sie niemanden berühren, sieben Wochen keine Umarmung. Wenn ihr Körper überhaupt in der Lage dazu ist, darf sie nur mit Mundschutz raus, die Leute nur mit Mundschutz zu ihr. Denn die Medikamente greifen nicht nur die bösen Zellen an, sondern auch die guten. Ihr Körper wird schwächer und angreifbarer.

„Das Schlimmste ist das Warten“, sagt Fenja Harms. Warten auf neue Untersuchungen, neue Ergebnisse, neue Hoffnungszeichen. In dieser Zeit entscheidet sie sich dafür, offen mit ihrer Krankheit umzugehen. Auf Instagram ist sie ohnehin schon immer aktiv gewesen. Außerdem baut sie sich ihren eigenen Blog auf. Sie berichtet von ihrem Krankheitsverlauf, von dem, was in ihr vorgeht, und von dem, was sich an ihrem Äußeren verändert. „Die Krankheit gehört ja zu mir. Man ist natürlich nicht Miss Beauty. Aber warum soll ich mich verstecken?“ Auf diese Weise vertreibt sie sich nicht nur die quälend lange Zeit, sie lernt vor allem viele Leidensgenossinnen kennen. „Da habe ich gemerkt, ich bin nicht alleine mit der Krankheit.“

Und dennoch bleibt die Isolation.  Nach sieben Wochen – die Therapie schlägt längst an – darf Fenja Harms  erst einmal nach Hause. Menschenmassen soll sie meiden, um den geschwächten Körper vor Infektionen zu schützen. Keine öffentlichen Verkehrsmittel, kein selbstständiges Einkaufen. „Ich habe die Kleinigkeiten schätzen gelernt.“ Es sei eben nicht selbstverständlich, frei zu entscheiden, was man machen kann und darf.

Fenja Harms wäre heute längst wieder freier in ihrem Leben unterwegs, wenn das Coronavirus sich nicht gerade ausbreiten würden. „Aber ich bleibe natürlich zuhause. Nicht nur, weil ich zur Risikogruppe gehöre, sondern weil ich Menschen in meinem direkten Umfeld habe, die noch viel stärker gefährdet sind, und genau die möchte ich auf keinen Fall in Gefahr bringen.“

Jeder solle jetzt nicht nur an sich denken, sondern seinen Teil leisten, dass das Virus sich langsamer verbreitet. Auch wenn diese einsame Zeit noch viele Wochen und vielleicht sogar Monate weitergehen sollte, hofft Fenja Harms, dass sich die Menschen weiterhin oder noch stärker daran halten.

Hier geht es zum Blog von Fenja Harms

Hier geht es zum Klinikum Bremen-Mitte

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