Pflege in der Kinderklinik: Mit der besonderen Portion Empathie

Angela Eiken war über fünf Jahrzehnte als Kinderkrankenschwester im Einsatz. Annika Runge ist seit Oktober 2018 examinierte Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin. Wie hat sich die Pflege in der Kinderklinik über die Jahre verändert? Zum 50. Geburtstag des Kinderklinik-Baus am Klinikum Bremen-Nord haben wir uns mit den beiden Frauen zu einem Gespräch über Besuchszeiten, Einfühlungsvermögen und Herausforderungen getroffen.

 

Besondere Begegnung an einem besonderen Arbeitsplatz: Annika Runge arbeitet seit wenigen Monaten in der Kinderklinik. Angela Eiken war dort über mehrere Jahrzehnte als Kinderkrankenschwester im Einsatz. (Fotos: Kerstin Hase)

Frau Eiken, Frau Runge, aus welchen Gründen haben Sie sich eigentlich für Ihren Beruf entschieden?

Angela Eiken: Ich hatte mich bereits in unserer Familie immer viel um die jüngeren Kinder gekümmert. Das lag mir sehr. Nach der Schulzeit habe ich dann eine Ausbildung zur Kinderpflegerin absolviert, danach bin ich in der Schwesternschule in Blumenthal Kinderkrankenschwester geworden.

Annika Runge: Mich hat auch immer der Umgang mit Menschen gereizt. Und gerade bei Kindern erfordert das noch einmal einen besonderen Grad an Fürsorge und Empathie. Denn Kinder können noch nicht alles artikulieren, was sie beschäftigt. Erst recht in diesen schwierigen Situationen, wenn sie im Krankenhaus sind. Hinzu kommen auch die Eltern, die für uns die wichtigsten Ansprechpartner sind. Natürlich müssen wir auch auf ihre Sorgen und Fragen so gut es geht eingehen.

Früher spielte der Umgang mit den Eltern in einer Kinderklinik noch eine weitaus kleinere Rolle.

Angela Eiken: Oh ja. Da war es so, dass es immer mittwochs und sonntags eine Stunde Besuchszeit gab. Sonst waren die Kinder von ihren Familien getrennt. Das war für die Kinder nicht schön. Und für die Eltern auch nicht.

Annika Runge: Dabei spielen die Eltern eine große Rolle für die Genesung der Kinder. Sie sind auch das Sprachrohr. Mütter oder Vater spüren häufig als erste, dass ihr Kind Schmerzen oder Angst hat. Diese Wahrnehmung ist sehr wertvoll für unsere Arbeit.

Angela Eiken: Heute ist das glücklicherweise längst normal. Das ist ein auch großer Verdienst von vielen Schwestern, die sich Anfang der 70er-Jahre mit der Aktion „Kind im Krankenhaus“ dafür eingesetzt haben, dass Besuchszeiten täglich möglich wurden, und dann auch fast unbegrenzt. Später kam dann auch die Möglichkeit dazu, dass Eltern mit aufgenommen werden konnten.

Wie hat sich Ihre Arbeit sonst im Laufe der Jahre verändert?

Angela Eiken: Insgesamt waren damals denke ich viel mehr Krankheiten ein Fall für die Klinik, die heute ambulant versorgt werden. Etwa die Masern, für die damals noch der Impfstoff fehlte. Auch die Versorgung durch niedergelassene Kinderärzte war sehr begrenzt. Die Kinderklinik bestand auch deshalb früher aus sehr viel mehr Stationen, die dann aber streng nach bestimmten Krankheitsbildern gegliedert war. Man wusste auf Station also auch sehr konkret, auf welche Fälle man sich einstellen muss.

Annika Runge: In der Neonatologie, also der K1, auf der die Frühchen und kranke Neugeborene versorgt werden, ist das natürlich auch heute noch so. Aber auf der K2 – also der Pädiatrie – ist das anders. Da werden zwar vermehrt auch junge Patienten mit Diabetes behandelt. Aber dort haben wir auch täglich mit den unterschiedlichsten Krankheiten zu tun. Da kann im ersten Zimmer ein Säugling mit einer Infektion liegen. Und im nächsten Zimmer schon einen 16-Jährigen nach einem Roller-Unfall. Von A bis Z ist da alles dabei.

Wie wirkt sich das auf den Arbeitsalltag aus?

Annika Runge: Für mich als gerade erst examinierte Pflegerin ist das eine Chance, ganz viel Erfahrung zu sammeln. Das fordert mich, das ist interessant. Das ist ein echter Anreiz.

 

Haben Sie sich in den ersten Berufsjahren mehr Abwechslung gewünscht, Frau Eiken?

Angela Eiken: Nicht direkt, man war ja in der Ausbildung schon immer drei bis vier Monate oder auch mal ein halbes Jahr lang fest auf einer bestimmten Station. Nachher konnte man dann wählen, auf welcher Station man arbeiten wollte. Ich war zum Beispiel lange auf der Mädchenstation, auch dort gab es ganz unterschiedliche Krankheitsbilder. Viele Jahre war ich auch auf der Infektionsstation. Als dann später auch hier auf der K2 chirurgische Patienten dazu kamen, musste ich mich erst einmal umstellen. Das kommt man aber rein.

Muss man als Kinderkrankenschwester besonders flexibel sein?

Annika Runge: Klar spreche ich mit einem kleinen Kind ganz anders als mit einem 18-Jährigen. Hinzu kommen die sehr unterschiedlichen Fälle. Vor jedem Zimmer, das man betritt, muss man sich neu einstellen – auch auf einen anderen Entwicklungsstand.

Wie war damals der Umgangston innerhalb der Pflege-Teams.

Angela Eiken: Naja, die Stationsleitungen waren manchmal schon ganz schön streng. Wehe das Laken saß nach dem Bettenmachen nicht ganz stramm. Da wurde das wieder auseinandergerissen. Als die älteren Stationsschwestern dann in Ruhestand gegangen sind, wurde es allmählich lockerer. Früher gab es ja sogar noch je nach Dienstgrad getrennte Pause.

Annika Runge: Gewisse Hierarchien braucht man in einem Krankenhaus natürlich auch heute. Aber die sind im Umgang untereinander viel flacher geworden. Egal ob Anfänger oder etablierte Kollegin, wir sind hier glaube ich ein ziemlich gut eingespieltes Team.

…das man für die vielen Anforderungen im Klinikalltag auch braucht, oder?

Annika Runge: Klar, die Bandbreite an Aufgaben ist für uns natürlich heute sehr groß. Und es gibt Tage, da müssen wir diese auch mit relativ wenigen Kollegen stemmen. Aber ich will mich auch nicht über die Fülle an Aufgaben beschweren. Die Patienten sind bei uns gut versorgt. Manchmal wünscht man sich aber, dass man noch etwas mehr Zeit hat, um auf sie einzugehen.

Wie war das früher?

Angela Eiken: Da waren die Stationen breiter besetzt. Es gab die Schwesternschule direkt an der Klinik, über die es zusätzlich Unterstützung gab. In der Lehre hat man dort gewohnt. Die Zeit hat einen auch geprägt. Man war zum ersten Mal dauerhaft weg von zuhause. Und uns Schülerinnen hat sich dabei eine starke Gemeinschaft herausgebildet. Und unser Weg war klar vorgezeichnet: Natürlich war es der Plan, als ausgebildete Kinderkrankenschwester dann von der Kinderklinik übernommen zu werden.

Wie war das in Ihrer Ausbildung, Frau Runge?

Annika Runge: Auch heute gibt es einen großen Pool an Schülerinnen und Schülern, von denen die meisten auch im Verbund bleiben. Auch aus unserem Jahrgang sind zum Beispiel allein drei Schülerinnen hier bei uns in der Kinderklinik gelandet. Und es gibt im Verbund ja auch total viele verschiedene Stationen, um innerhalb des Verbunds mal zu wechseln und nicht gleich die Stadt zu wechseln. Ich fühle mich aber in der Kinderklinik gerade sehr wohl.

 

Die Fragen stellte Timo Sczuplinski.

 

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