Rückblick auf eine spannende Zeit: Prof. Heiner Wenk im Interview

Prof. Dr. Heiner Wenk hat als Chefarzt in der Chirurgie des Klinikums Bremen-Nord eine Ära geprägt. Im Interview spricht er über seinen ersten Patienten, digitale Zwillinge und darüber, warum er am 9. November 1989 in Berlin nicht nur über den Fall der Mauer staunte.

Herr Prof. Wenk, Sie sind seit 24 Jahren am Klinikum Bremen-Nord. Wissen Sie noch, wie Ihr Start verlief?
Wenk: Natürlich. 1996 war das. Im Vorfeld hatte ich damals schon mitbekommen, dass eifrig darüber spekuliert wurde, wann der neue Chef wohl das erste Mal in der Klinik an seinen neuen Arbeitsplatz kommen würde. Ob erst am Montag oder er vielleicht schon am Samstag oder Sonntag davor.

Und, wann haben Sie vorbeigeschaut?
Um der Aufregung etwas vorzugreifen, habe ich dann einfach schon mal am Freitag Hallo gesagt.

Damit war die erste Überraschung gelungen.
Das kann man so sagen. Aber auch für mich. Denn wenn der neue Chef schon mal da war, dann konnte er ja gleich mit einbezogen werden. Also hat mich ein Oberarzt gleich nach meiner Meinung zu einem ernsten Fall befragt.

Worum ging es?
Ein philippinischer Seemann war auf seinem Schiff in der Nordsee in den Schiffsbauch gestürzt und hatte sich schwere Verletzungen zugezogen. Ich habe mir den Fall angeschaut und wenig später stand ich im OP. Wir konnten dem Mann das Leben retten. Und das Schöne ist, dass wir noch lange Kontakt hatten.

Seither hat sich viel getan in der Allgemein- Viszeral- und Gefäßchirurgie.
Ja, das ist richtig. Wir haben schon damals richtig gute Arbeit geleistet. Aber von minimalinvasiven und endovaskulären Eingriffen waren wir noch weit entfernt. An Eingriffe also, bei denen wir nur über millimetergroße Zugänge ein Gefäß oder Organ reparieren können, konnte man noch nicht denken.

Ich war am 9. November 1989 – einem nicht ganz unwichtigen Datum – in Berlin zu einem Kongress eingeladen. Während also ganz in der Nähe die Mauer fiel, was wir erst später mit großem Erstaunen mitbekamen, staunten wir erst einmal über die neuesten Erkenntnisse in der Chirurgie.

Prof. Dr. Heiner Wenk

Wann änderte sich das?
Dazu müsste ich wieder eine Geschichte erzählen.

Nur zu!
Ich war am 9. November 1989 – einem nicht ganz unwichtigen Datum – in Berlin zu einem Kongress eingeladen. Während also ganz in der Nähe die Mauer fiel, was wir erst später mit großem Erstaunen mitbekamen, staunten wir erst einmal über die neuesten Erkenntnisse in der Chirurgie. Ich selbst referierte über die Laser-Chirurgie, die damals ebenfalls erst dabei war, sich durchzusetzen. Danach bekamen wir dann einen Einblick in die minimalinvasive Chirurgie. Ich sagte sofort zu meinem Sitznachbarn: „Das wird die Zukunft sein“.

Wie ungewöhnlich war es, dass man als Chirurg seinen Beruf fortan gewissermaßen noch einmal neu lernte?
Der Fortschritt spielt in der Medizin ja immer eine Rolle. Aber das war schon eine maßgebliche Veränderung unseres Berufs. Das, was wir gelernt hatten, war ja nicht plötzlich falsch. Viele Operationen sind auch heute gar nicht anders möglich, als auf konventionelle Art über große Schnitte. Aber die neuen Möglichkeiten, die sich durch die minimalinvasiven und endovaskulären Verfahren ergaben, waren immens. Für den Patienten bedeuten sie längst flächendeckend deutlich schonendere Eingriffe, für den Chirurgen waren es ganz neue Bewegungen.

Wann setzten sich die neuen Techniken letztlich durch?
Im Klinikum Bremen-Nord haben wir die minimalinvasive Chirurgie Mitte der Neunziger etabliert. Das waren sehr spannende Jahre. 1996 hatten wir auch die erste Ösophagus-Resektion gemacht, also den krankhaften Teil einer Speiseröhre entfernt. 1997 haben wir die erste Bauchspeicheldrüse operiert. Und wiederum ein Jahr später war mit zwei befreundeten Professoren aus Hamburg die erste endovaskuläre Aortenoperation möglich. Wir haben uns also erstmals über die Leiste per Bildgebungsverfahren in das betroffene Gefäß vorgearbeitet und dort einen Stent platziert. Heute ist das für einen Gefäßchirurgen natürlich längst das Normalste der Welt.

Apropos Gefäße. Das Klinikum Bremen-Nord ist seit vielen Jahren für sein Gefäßzentrum bekannt. Wie kam es dazu?
Wir wurden 2003 als bundesweit fünftes Krankenhaus überhaupt als Gefäßzentrum zertifiziert. Wir haben uns über die Jahre einen Namen gemacht.

Welche Rolle spielen technische Neuerungen heute in Ihrer Disziplin?
Digitalisierung und künstliche Intelligenz sind gerade auch in der Chirurgie Themen, die viele bewegen und sich auch im chirurgischen Alltag natürlich wiederspiegeln. In der Gefäßchirurgie können wir endovaskuläre Eingriffe – also Eingriffe innerhalb des Gefäßes – bereits vor der Operation virtuell ganz genau durchspielen.

Wie funktioniert das?
Über einen digitalen Zwilling. Das sind 3-D-Abbildungen des erkrankten Gefäßes. Darüber können wir den Eingriff vor der eigentlichen OP bereits bis aufs kleinste Detail vorab am Bildschirm durchgehen. So können wir bereits vorher den optimalen Weg finden und auch eventuelle Hürden vorhersehen und so vermeiden. Das erhöht die Sicherheit für den Patienten noch einmal zusätzlich.

Das Interview führte Timo Sczuplinski

 

Zum 1. Januar wechselt Prof. Dr. Heiner Wenk als ärztlicher Direktor zur Klinik Lilienthal. Auf ihn folgt im Klinikum Bremen-Nord Dr. Steffan Jackobs als Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Visceral- und Gefäßchirurgie, der bisher als Geschäftsführender Oberarzt im Klinikum Bremen-Mitte tätig war.

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